ANATOMY erkundet die Architektur der Angst

ANATOMY erkundet die Architektur der Angst

Das Haunted House von Kitty Horrorshow ist mehr als nur eine digitale Geisterbahn, sondern dringt tief ins Unterbewusstsein ein... und bleibt dort.

Die Architektur eines Hauses ist der des menschlichen Körpers nicht unähnlich: Die Treppe ist die Wirbelsäule, Flure sind die durchblutenden Adern, Küche und Bad sind der Verdauungstrakt und der Keller ist das Unterbewusstsein, voller verdrängter Erinnerungen. Natürlich dreht sich die Metapher während der Erkundung des leeren, dunklen, mutmaßlich umspukten Hauses in ANATOMY im Kreis und es geht letztendlich doch um den Horror des eigenen Körpers und dem Misstrauen der eigenen Sinne.

Die Verkehrung des Hauses in eine schreckliche, körperliche Gefahr hat eine gewisse Tradition, sei es bei Pinocchio, der vom Wal Monstro lebendig verschluckt wird oder in Metal Gear Solid 2, das seine letzten Spielabschnitte nach Teilen des Verdauungstrakts benennt, Spielende konsumiert und letztendlich ausscheidet. Auch ANATOMY weckt mit seiner verwinkelten Architektur die Befürchtung, dass das Haus nicht nur Monster in seinen dunklen Ecken verbirgt, sondern selbst eines ist.

Um die vielen Schichten von ANATOMY offenzulegen, bedarf es mehrere Anläufe der knapp viertelstündigen Suche nach den im Haus verteilten Kassetten. Mit jedem Start des Spiels verschiebt sich auch die Bedeutung der Metapher ein wenig weiter, verändert sich das Spiel in der Abwesenheit des Spielers. Wie schon bei anderen Titeln von Kitty Horrorshow liegt die Bedeutung nicht ausschließlich im Spiel selbst, sondern ragt bis in die Dateinamen im Programmverzeichnis und sogar über die vierte Wand des Monitors hinaus.

Nach einer Stunde beendee ich ANATOMY zum zweiten Mal, schaue auf meinen leeren Desktophintergrund. Da ist dieses Gefühl, mein Bildschirm würde noch immer wie der kaputte Fernseher aus dem Spiel flimmern. Es braucht erst einen kurzen, beruhigenden Spaziergang durch die hell beleuchteten Straßen Berlins, bevor ich in die Dunkelheit meiner Wohnung zurückkehren kann, ohne paranoid vor jedem Geräusch zusammenzuzucken. Nicht, weil ich glaube, dass da ein Monster sein könnte, sondern weil ich mir unmöglich sicher sein kann, dass da keines ist.