Vier Spiele, die mich 2019 mit ihren Welten verzauberten

Vier Spiele, die mich 2019 mit ihren Welten verzauberten

Wenn das Jahresendfazit zum Zustand der Welt eher mau ausfällt, lockt die Flucht in digitale Welten umso mehr. Diese vier haben mich 2019 am meisten gereizt.

Occupy White Walls: Das parallele Kunstuniversum

Ja, es ist nicht mehr so ganz 2019, irgendwie aber doch: Occuppy White Walls ist schon seit Ende 2018 spielbar, hat das Early-Access-Stadium aber noch nicht verlassen. Als Kunst-MMO beworben, ist OWW eigentlich eine Mischung aus Kunstspiel und Architektur-Sandbox mit eingesprenkelter sozialer Interaktion. Die eigene Galerie entsteht durch den Kauf von Kunstwerken aus einer dynamischen Auswahl, die eine lernende KI vorschlägt. Mit einem recht vielseitigen Architekturtool und unzähligen Assets lässt sich die Ausstellung dann ins rechte Licht rücken. Viel mehr an Spielmechanik gibt und braucht es nicht: Das Basteln an der eigenen Galerie, das Stöbern durch Kunst aus allen Epochen und vielen Ecken der Welt, vor allem aber die Spaziergänge durch die oft wunderbar kuratierten und kunstvoll konstruierten Galerien anderer Spielerinnen und Spieler fesseln stundenlang. Und nach ein paar Minuten in dieser merkwürdig entrückten Kunstwelt stellt sich ein Gefühl von Tiefenentspannung ein, wie es wenige Spiele bieten können.

Zum Einstimmen oder Weiterspielen: Das virtuelle Museum und 3D-Art-Zine The Zium Museum.

ШХД: ЗИМА / IT'S WINTER:Die postsowjetische Schneekugel

Auch It's Winter schert sich nicht um gängige Konventionen: Es ist Kunstprojekt, Walking Simulator und Experiment in Interaktivität in einem. Klassische Spielmechaniken sucht man dabei vergebens – und gerade das macht dieses Spiel zu einem ganz besonderen Erlebnis, weil es sich ganz auf seine kleine Welt und ihre Atmosphäre konzentrieren kann. Schon nach kurzer Zeit fühlt es sich an, als sei man in einer postsowjetischen Schneekugel gefangen: Die Plattenbausiedlung, die es zu erkunden gilt, ist wie ausgestorben, die bunten Spielgeräte auf dem Spielplatz in der Mitte zugeschneit, der Schnee auf Boden und Bäumen schluckt jedes Geräusch. Die meisten Türen in der Siedlung bleiben uns verschlossen, es gibt wenig zu tun. Wenn aber etwas doch manipulierbar ist, eröffnet sich mitunter eine unerwartete Detailtiefe: In der eigenen Wohnung lässt sich fast alles aufheben und ansehen, und wer sich aus den Vorräten im Kühlschrank eine Mahlzeit zubereiten möchte, kann damit einige Zeit verbringen. Und wenn sich dann plötzlich doch etwas tut, ein Schneeräumer seine Bahnen zieht oder ein eben erst angezündeter Sternspeier im Schnee davon zeugt, dass wir doch nicht ganz allein sind, schlägt It's Winter in Sachen Atmosphäre jede Fantasywelt um Längen.

Analoge DLCs: Die wunderbaren Bücher und Bastelbögen von Zupagrafika entführen tiefer in die Schönheit modernistischer Ostblock-Architektur.

When Ski Lifts Go Wrong: Blutspuren im Schnee

Wenn der Besinnlichkeits-Overkill der Weihnachtswelt unerträglich wird, hilft der Ski-Lift-Builder When Ski Lifts Go Wrong mit seiner hochgradig unterhaltsamen Festlich-Blutig-Mischung: In seiner Welt herrschen sinnlose Slapstick-Gewalt und schräger Humor im weihnachtlichen Gewand über Jingle Bells und Après Ski. Mir wird aber sicher auch im Sommer noch das Herz aufgehen (das sonst nicht unbedingt für Physik- und Bauspielchen schlägt), wenn es den Weihnachtsmann mal wieder aus einem dilettantisch konstruierten Ski-Lift katapultiert oder die Schanze unter dem Gewicht seines Schneemobils zusammenbricht – für den besonderen Kick am liebsten aus der Ego-Perspektive.

Add-on-Empfehlung: Der äußerst entspannte Lounge-Soundtrack von Juhani Junkala.

Knights and Bikes: Das andere Cornwall

Die Region, in der Knights and Bikes spielt, hat im Gegensatz zu vielen Spielwelten ein reales Vorbild – das im Spiel vielleicht sogar einen Tick realer ist als unsere Vorstellung davon. Denn der Schauplatz dieser Geschichte von Freundschaften, Abenteuern und Fahrrädern ist Cornwall, aber eben nicht das Cornwall, das sich aus pastellfarbenen Rosamunde-Pilcher-Träumen speist und wegen seiner atemberaubenden Landschaften und seines Klimas ein beliebtes Reiseziel ist. Sondern ein eher rauhes Cornwall, das bei aller Schönheit eben auch zu den ärmsten Regionen der Insel und sogar in ganz Nordeuropa zählt und eine der höchsten Brexit-Zustimmungsraten verzeichnet. Die beiden kindlichen Protagonistinnen Nessa und Demelza erobern sich dieses Cornwall zwischen harter wirtschaftlicher Realität und Fantasy ohne jeden Kitsch und mit umso mehr Herz.

Für den kleinen Hunger zwischendurch: Die schönsten Stockfotos von Cornish Pasties.