Chuchel bricht mit unseren Erwartungen und feiert den Slapstick

Mit ihrem Comedy-Adventure betreten die Entwickler von Amanita neues Terrain.

Wenige Studios haben eine so charakteristische Handschrift wie Amanita Design aus Prag. Mit märchenhaft gezeichneten Hintergründen, skurrilen Charakteren, einem Spieldesign, das auch ohne Worte viel erzählt und einer betörenden Klangästhetik, in der synthetische und klassische Instrumente mit menschlichen Stimmen verschmelzen, erfanden die tschechischen Indie-Entwickler einen einzigartigen Stil. Dieser prägte ihre Point-and-Click-Adventures Samorost, Machinarium und Botanicula. Chuchel wirkt da im Vergleich wie eine Zäsur: Das neue Spiel des Studios um den gleichnamigen, fusseligen Progatonisten weicht von der über Jahre perfektionierten Erfolgsrezeptur erheblich ab.

Zwar finden sich auch hier vertraute Amanita-Elemente, im liebenswerten Soundtrack etwa, den wie schon bei Botanicula das tschechische Duo DVA komponiert hat. Doch im Kern unterscheidet sich Chuchel stark von den früheren Titeln des Studios. Statt einer poetischen Erzählung gibt es eine Handlung, die sich in einem Satz zusammenfassen lässt: Protagonist Chuchel ist auf der Jagd nach einer Kirsche, die ihm immer wieder entwischt.

Anstelle detailreicher Landschaften zeigt Chuchel cartoonartige, bunte Einzelszenen vor weißem oder aquarelliertem Hintergrund. Die Rätsel sind schlicht und eher durch wildes Ausprobieren zu lösen als durch Kombinieren; es gibt sogar eine Reihe einfacher Geschicklichkeitsspiele. Und wo Samorost oder Machinarium die Langsamkeit zelebrieren und viel Freiraum bieten fürs Entdecken und Eintauchen, tobt Chuchel in einem Höllentempo von Szene zu Szene und lässt kaum Zeit zum Verschnaufen.

Man kann es den Entwicklern nicht verdenken, dass sie nach gut 15 Jahren etwas neues ausprobieren. Ein Spiel nämlich, das den Witz über die Erzählung stellt. Und das dabei schamlos dem eigenen Medium huldigt: Die eingestreuten Arcade-Sequenzen sind Interpretationen von Klassikern wie Pac Man oder Space Invaders, denen jeweils ein eigenwilliger Twist mitgegeben wird. Chuchel ist also auch eine Liebeserklärung an Computerspiele.

Wer ein klassisches Amanita-Abenteuer erwartet hat, mag sich deshalb von Chuchel in den ersten Spielminuten getäuscht fühlen. Doch die Abweichung vom Erfolgskonzept hat ihre Vorteile: Als Abfolge schräger, komischer Miniaturen ist Chuchel so kurzweilig und pointiert wie kein anderer Amanita-Titel. Schon dass die Entwickler ihr neuestes Spiel vorab mit entzückenden Gifs bewarben, war ein eindeutiges Signal: Es geht hier nicht um Immersion, um das Schaffen neuer Welten oder großer Narrative. Chuchel feiert vielmehr den Augenblick, rückt den komischen Konflikt in den Vordergrund und platziert die Bananenschale dabei immer genau so, dass der Gag sitzt, ohne ins Billige abzugleiten. Dabei stellt sich das Spiel in eine Traditionslinie, die von Charlie Chaplin über den klassischen amerikanischen Cartoon bis hin zu tschechischen Kinderserienklassikern wie Luzie, der Schrecken der Straße reicht.

Chuchel ist ein kurzes Slapstickfeuerwerk, in dem sich viel vom typischen Charme und der unbändigen Fantasie der Entwickler versteckt – knallbunt verpackt und als furiose Jagd von einem Gag zum nächsten. Und vielleicht genau das, was die Zeit gerade verlangt: ein lebensfrohes Plädoyer für den Humor im Angesicht einer zunehmend grimmigen Realität.