Die Beobachterrolle in Umurangi Generation ist ein zweischneidiges Schwert

Die Beobachterrolle in Umurangi Generation ist ein zweischneidiges Schwert

Im Ego-Knipser lichte ich ein retrofuturistisches Neuseeland zwischen Hoffnung und Resignation ab – und lerne fix, dass Zuschauen nicht gleich Zuschauen ist.

Mount Maunganui, eine U-Bahnstation in Tauranga City, der militärische Außenposten in Otūmoetai: Alle Schauplätze in Umurangi Generation sind weitaus abstrakter als ihre realen Vorbilder in Neuseeland. Zum einen, weil das First-Person-Fotospiel in der Zukunft spielt. Zum anderen, weil es sich sowohl akustisch als auch visuell einer knallbunten, von Lo-Fi-Beats durchzogenen PS2-Ästhetik bedient – was es dann trotz des Zukunftsszenarios wieder rückwärtsgewandt macht. Trotzdem gibt es mehr als genug visuelle Rückbezüge auf die realen Orte, die der Titel abbildet. Zumindest wenn man sich damit auseinandersetzen möchte, wie ich es schon in Episode 41 unseres Podcasts versucht habe.

Wer einfach nur ein Spiel mit kompakten Levels, klaren Zielen und einem Füllhorn an kreativen Möglichkeiten sucht, hat mit Umurangi Generation auch seinen Spaß. Echte FotografInnen mag die Vereinfachung der einstellbaren Parameter wie Sättigung, Kontrast oder Belichtung etwas gegen den Strich gehen. Aber wenn es darum geht, aus der Hüfte Momente einzufangen und einfach nur hübsche Bilder zu produzieren, ist der Titel ein netter Zeitvertrieb. Jedes Mal, wenn ich das Spiel für ein paar schnelle Schüsse starte, drängt sich mir aber ein anderer Gedanke auf.

Natürlich schaue ich bei den Fotos durch den Sucher meiner Kamera, spüre coole Blickwinkel und Motive auf. Aber ich schaue gleichzeitig auch einem rein durch visuelles Storytelling gestützen Narrativ zu und katalogisiere es, ohne wirklich eingreifen zu können. Kein Collectible, kein 100-Prozent-Lauf verhindert den Ausgang des Spiels und die damit zusammenhängende Message.

Denn Umurangi Generation ist ein sprechender Titel. Aus dem maorischen Te Reo übersetzt bedeutet "Umurangi" roter Himmel. Die dazugehörige Generation ist laut des Entwickler Naphtali Faulkner, selbst Mitglied des Ngai Te Rangi-Stammes, eine, die zum Zuschauen verdammt ist, die machtlos ist, die Katastrophe aufzuhalten.

Wie auch immer diese Katastrophe aussieht – globale Erwärmung, eine Pandemie, ein Weltkrieg –, in Umurangi Generation ist es bereits zu spät. Mir bleibt nur noch die Möglichkeit, die Ereignisse festzuhalten. Die Handlungsmacht, die sonst ein zentrales Element in der power fantasy Videospiel ist, wird mir komplett entzogen. Ich bin ein Betrachter, hinter und vor dem Sucher.

Das gibt mir aber gleichzeitig auch die Möglichkeit zur Reflektion meines eigenen Standpunkts, zur Erweiterung meines Horizonts. Das Spiel steckt voller Hinweise auf die maorische Kultur, darauf, wie Kolonialisierung sich im alltäglichen Leben niederschlägt, wie Machtverhältnisse aufgebaut, aufrecht erhalten und kritisiert werden, welche Rollen den Menschen und der Kultur dabei zukommt.

Umurangi Generation spielt im Jahr 2035. Zum Zeitpunkt dieses Artikels schreiben wir das Jahr 2020, das aus verschiedensten Gründen ein eigenes Kapitel in den Geschichtsbüchern bekommen wird. In 15 Jahren kann viel passieren. Was passiert, entscheiden wir selbst, und das Einnehmen der BetrachterInnenrolle kann dabei helfen. Nämlich dann, wenn man den Blick nach außen und innen richtet, verstehen und danach handeln lernt.