Die Zukunft liegt in Kentucky Route Zero in den Händen einer kaputten Vergangenheit

Die Zukunft liegt in Kentucky Route Zero in den Händen einer kaputten Vergangenheit

Wie füllt man den leeren Raum zwischen Great Depression und persönlicher Depression? Der episodische Indie-Darling versucht sich an Antworten.

Ein bisschen paradox ist der Umgang mit der Zeit in Kentucky Route Zero schon. Vor allem wegen der äußeren Umstände. Der erste Akt des episodischen "magical realist adventure game" erscheint im Januar 2013. Zu einer Zeit also, in der Barack Obama gerade seine zweite Amtszeit als US-Präsident antritt und die erste Euphorie hinsichtlich eines echten, umgreifenden sozialen und politischen Umschwungs langsam aber sicher abflaut.

Der letzte Akt und damit das komplette Spiel erscheint im Januar 2020. Status quo zur Veröffentlichung: Trump bleibt Präsident, dem Rechtspopulismus bis -radikalismus werden weiterhin Machtpositionen auf der ganzen Welt angedient. Aber auch der, zumindest im US-Verständnis, sozialistische Gegenwind wird stärker. Die gemäßigten "Mitte"-Demokraten verlieren zudem ebenso rapide an Relevanz wie die längst nicht mehr existente Mittelschicht, zu der sie angeblich sprechen.

Warum ich an dieser Stelle hauptsächlich über US-Politik schreibe, dürfte jeder Person klar sein, die Kentucky Route Zero auch nur in Auszügen gespielt hat. Denn die große Frage, die über dem Text-Point-and-Click-Adventure-Mix schwebt, ist die nach der Rolle des Kapitalismus in der Dekonstruktion des American Dream. Welche Utopien wurden durch kapitalistische Strukturen zerstört? Wie geht man mit dem Trümmerhaufen um, den man vor sich findet? Wie lässt sich etwas Neues aus einer kaputten Vergangenheit bauen, das nicht auch zum Scheitern verurteilt ist?

Für das Spiel von Cardboard Computer lauten die Stichworte Reflektion und Zusammenhalt. Dass dabei Androiden-MusikerInnen in einer verlassenen Kneipe auftreten oder eine Behörde, die sich um die Wiederaneignung verlassener Orte kümmert, sich ein Stockwerk voll mit Bären gönnt, ist nur auf den ersten Blick merkwürdig. Schließlich ist auch die Idee, dass das Ruder noch irgendwie herumzureißen wäre, auf den ersten Blick unwirklich und unrealistisch. Das unterscheidet den Titel auch deutlich von der anderen großen Indie-Americana-Erzählung Where The Water Tastes Like Wine. Die will weniger Antworten als eine Parabel auf Mythen- und Legendenbildung vor der Kulisse des magischen Realismus liefern, aber keine Lösungsvorschläge bieten.

Die gibt Kentucky Route Zero mir auch nicht von sich aus an die Hand. Vielmehr liegt die Aufgabe bei den ProtagonistInnen. Die TV-Reparaturexpertin Shannon Márquez – natürlich benannt nach dem Autor Gabriel García Márquez –, der Antiquitätenlieferant Conway und das schon erwähnte Robo-Duo Junebug und Johnny stehen für verschiedene Facetten der Verspachtelung der Löcher, die der Kapitalismus in die Lebensrealitäten der ländlichen USA gerissen hat. Junebug und Johnny nutzen die Leerräume, um sich selbst neu zu definieren. Shannon arbeitet ihre Familiengeschichte und dazugehörige Klassengefälle auf. Und Conway zeigt, wie das Koppeln von Selbstwertverständnis an Leistungsfähigkeit zum psychischen Kollaps oder mindestens zur Resignation führen kann.

Sinnstiftende Antworten bleibt Kentucky Route Zero bis zu seinem letzten Akt schuldig, auch wenn ich dank des klugen Dialogsystems durchaus bestimmen kann, wie meine Charaktere sich und ihre Umgebung wahrnehmen. Das liegt nicht an der Unfähigkeit der EntwicklerInnen, sondern eher daran, dass diese es vielleicht selbst nicht genau wissen. Die neueingespielten Bluegrass-Stücke, die aus der Zeit gefallenen Orte, die ich auf der unterirdischen, multidimensionalen Reise durch Kentucky besuche, die wehmütigen spielmechanischen Throwbacks in die 80er Jahre – all das sind zunächst Blicke zurück, modernisierte Schaubilder der Great Depression. Mit seinem letzten Kapitel beantwortet das Spiel nicht alle Fragen, die es aufwirft. Aber zumindest die, wie es nun weitergehen soll: Mit dem Blick nach vorne, ohne dabei das Vergangene vergessen zu machen.