Dreizehn mehr oder weniger okaye Spiele aus 2018

Dreizehn mehr oder weniger okaye Spiele aus 2018

Ein Lost-Levels-Gastbeitrag von Marcus (Superlevel, Sieben von Zehn).

Was für ein seltsames Jahr! Ich gebe offen zu, nicht mehr zu wissen, was eigentlich abgeht. Nicht nur in Bezug auf Videospiele, aber doch auch sehr in Bezug auf Videospiele. Und ich bin damit nicht allein. Selbst die Leute, die dafür bezahlt werden, genau zu wissen, was der geilste Scheiß ist, haben offenbar nicht die geringste Ahnung davon. EA, Activision Blizzard, Bethesda. Große Publisher, die das Spielverhalten der Massen soweit durchleuchtet haben, dass sie ihre Produkte im Hinblick auf das gängige Konsumentenverhalten maßschneidern können. Doch es ist ein Ansatz, der lediglich eine Reaktion auf die Entwicklungen ist, mit denen andere längst erfolgreich sind.

Während besagte Firmen den Riecher dafür verloren haben, was sich ihre Kundschaft wünscht (oder wie man überhaupt ein Spiel programmiert), musste ich mir im letzten Jahr eingestehen, selbst nicht mehr zu wissen, was ich mögen könnte. Ich war total überraschend ergriffen von Celeste, dessen peinigende Härte und zermürbenden Wiederholungen solch sentimentalen Gefühlsregungen doch eigentlich hätten im Wege stehen müssen.

Ich spielte knapp 100 Stunden Monster Hunter: World und kam mir vor wie ein Trinker am Spielautomaten, der die Kontrolle über sein Leben und die Fähigkeit, Freude und Bestimmung spüren zu können, verloren hat. Anschließend spielte ich vier Stunden Yoku’s Island Express und kam mir vor wie ein Trinker, der sein Leben wieder in den Griff bekommen will und jetzt lieber bei Tageslicht am Flippertisch eine Maracujaschorle schlürft.

Doch dann kam God of War, für das ich im Verlauf des Spiels nicht genug Selbsthass aufbringen konnte, um mich bis zum Ende durchzuquälen. Ab einem gewissen Punkt empfand ich das Bedürfnis, den Ton auszumachen und stattdessen beim Spielen "Boys Don’t Cry" in Dauerschleife drüberlaufen zu lassen, weil der Bass in Kratos‘ Stimme mir Magenschmerzen bereitete. Dessen Stimmbänder haben vermutlich einen eigenen Mitgliedsausweis bei McFit. Geblieben ist die Unsicherheit, ob das Spiel mich in meiner Maskulinität herausfordern oder bestätigen wollte, aber ja, die Axt war natürlich schon ganz cool. Für zehn Minuten. Womit ich auch schon bei Mario Tennis Aces angelangt wäre.

Nachdem 43 Jahre lang kein einziges nennenswertes Tennisspiel erschienen ist, war 2018 das Jahr des Doppelfehlers. Denn mit AO Tennis und Tennis World Tour kamen gleich zwei Tennissimulationen heraus, die scheiße waren und somit dem Tennisquatsch mit Mario den Filzballthron überlassen mussten. Mario Tennis Aces war bezeichnenderweise dann auch das einzige Spiel, für das ich in diesem Jahr so etwas wie Hype empfand. Im Rückblick ganz schön naiv, aber für ein paar Stunden war es ganz okay. Mit Tennisspielen ist es vielleicht doch wie mit Cheeseburgern bei McDonald‘s. Bei längerer Abstinenz hat man plötzlich total Bock drauf und hinterher weiß man auch nicht mehr wirklich, was einen da geritten hat und ärgert sich über weichen Stuhlgang.

Mittlerweile bin ich sowieso eher der Typ Familienvater, der seinen Teeniekids "Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band" auf dem Tonbandgerät vorspielt, weil das im Gegensatz zu Rita Ora (?) noch richtige Musik sei. Deshalb kam ich auch 2018 nicht um Dark Souls, Lumines und Tetris herum. Immer noch gut, teilweise auch in neu gemacht ganz großartig und die Art Comfort Food, die meine gelegentlich aufkeimenden Zweifel an meiner Begeisterungsfähigkeit für Videospiele wieder unter den Teppich zu kehren vermag.

Warum ich Assassin's Creed: Odyssey, das Red Dead Redemption 2 des kleinen Mannes, mit viel Elan durchgespielt habe, letzteres hingegen seit Wochen im zweiten Kapitel steckend nicht mehr anrühre, kann ich nur vermuten. Womöglich, weil sich die Hauptfigur steuert, als hätte sie gerade eine 100-Stunden-Arbeitswoche hinter sich gebracht. Nicht meins. Aber was ist das schon? Ich weiß es nicht mehr und finde es großartig, dass es den großen Publishern damit nicht anders geht. Ein seltsames Jahr!