Gäbe es mehr Spiele wie Bury me, My Love, wäre "Othering" vielleicht ein kleineres Problem

Die Visual Novel ist unterhaltsam und lehrreich zugleich. Denn obwohl es hier selten Happy Ends gibt, ist Bury Me, My Love ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit.

Spiele sind politisch. Punkt. Egal wie groß oder klein, wie offensichtlich oder unterschwellig. Während wir aber aus den meisten Titeln nur über Umwege etwas über die Menschenbilder und politischen Motivationen der Entwickler erfahren können, mehren sich gerade in den letzten Jahren die offen sozialkritischen und politischen Titel.

Manche sind dabei ziemlich plakativ, manche weniger. Die Bandbreite ist riesig: Von eher trockenen serious games über das First-Person-Putz-Adventure Sunset bis zu Indie-Hits wie Papers, Please! ist alles dabei, was sich mit Maus, Tastatur, Gamepad oder den Fingern manipulieren lässt.

Bury Me, My Love ist in der Hinsicht einzigartig, dass es das Private ziemlich smart mit dem Politischen kombiniert. Die Visual Novel spielt sich komplett in einem fiktiven Instant-Messaging-Dienst ab. Darin schreibe ich als Majd Nachrichten, ähnlich wie bei A Normal Lost Phone oder Emily Is Away.

Majd hat einen kleinen Laden und arbeitet zusätzlich als Tutor im syrischen Homs, das vom Bürgerkrieg betroffen ist. Um dem Inferno zu entkommen, macht sich seine Partnerin Nour auf den beschwerlichen Weg nach Europa, um dort Asyl zu beantragen und ihn idealerweise nachzuholen.

Ich begleite Nour in der Rolle von Majd auf ihrer Reise, gebe ihr Tipps, welchen Weg sie wählen soll, und bringe damit die Geschichte voran. Diese endet in den meisten Fällen tragisch - Nour bis an ihr eigentliches Ziel zu begleiten, ist leichter gesagt als getan.

Die Bilder und Geschichten von der Balkanroute, Lampedusa, Rechtsruck und Märchen von der "Umvolkung" kennen wir alle. Spielerisch erfahrbar machen diese nur wenige Spiele, zuletzt das vom syrischen Geflüchteten Abullah Karam entwickelte Path Out. Bury Me, My Love bewahrt sich allerdings anders als viele ähnlich ausgerichtete Spiele den Humor und die Zugänglichkeit für westlich geprägte Spieler wie mich.

Dank der großartigen Arbeit der narrative designer Pierre Courbinais und Florent Maurin von The Pixel Hunt werden Nour und Majd greifbar, die Unterhaltungen wirken nie aufgesetzt, sondern wie herausgepickt aus einem Chat mit Freunden oder Partnern.

Wenn das writing richtig glänzt, fühle ich mich unterbewusst ertappt und gleichzeitig verstanden. Beispielsweise wenn Majd anmerkt, dass Nour in einem von Afrikanern und anderen Geflüchteten bevölkerten Viertel auf sich aufpassen soll, da alle Afrikaner Diebe seien. Nours Antwort? "Das denken die anderen von uns auch."

Und ja, "Othering" ist ein Problem, mit dem nicht nur Nour und Majd in ihren Interaktionen mit der ihnen unbekannten Umwelt konfrontiert sind. Hegel, de Beauvoir und viele weitere kluge Köpfe haben sich mit dem Thema die Nächte am Schreibtisch um die Ohren geschlagen, Uni-Seminare dazu konzipiert oder versucht, eine Erklärung für die auf Vorurteilen und Hörensagen basierte Furcht vor dem Unbekannten zu finden. Gerade letzteres ist heutzutage interessanter denn je.

Es wäre illusorisch anzunehmen, dass man Pegidisten und anderen engstirnigen Vertretern nur Spiele wie Path Out oder eben Bury Me, My Love vorlegen müsste, damit sie ihr Weltbild ändern und feststellen, dass "die Anderen" genau so liebesbedürftig, humorvoll, sauer und mitfühlend sein können wie sie vielleicht von sich selbst behaupten. Aber möglicherweise geht es den mit dieser besonderen Visual Novel konfrontierten Menschen genau so wie mir.

Ich zittere mit Nour, ob sie es unbemerkt über die Grenze schafft, ich leide mit ihr, wenn sie erlebt, wie neben ihr ein kleines Kind auf einem überfüllten Boot stirbt und ich gebe mein Bestes, sie als Majd durch ihren Höllentrip zu begleiten und ihr Mut zuzusprechen. Irgendjemand muss es schließlich tun, oder?