Genres, die wir erfunden haben

Genres, die wir erfunden haben

Um allen Spielen auch ein verbales Zuhause zu geben und sie in bester Spielejourno-Manier in eine Schublade stecken zu können, haben wir neue Genres erfunden.

Ambient Action Blogging

Substantiv, Neutrum

Die Art und Weise, wie dieser Artikel als kollektives Lost Levels-Lexikon entstanden ist, wird gemeinhin als Ambient Action Blogging bezeichnet. Der Fachterminus bezieht sich insbesondere auf dynamisches und situationsgerechtes Blogging.

Faux-Fauvism

Substantiv, maskulin

Zwischen Zelda-like cel-shading und Matisse-esken Strichen mit dem digitalen Pinsel liegt ein Art Style verborgen, den zu benennen wir uns schwer tun. Wie nennt man das, wenn gleichzeitig kontrastreiche Farben verwendet werden, die Konturen überflüssig machen, aber auch eine minimalistische Farbpalette auf weiche und fließende Formen trifft? The Pathless von Giant Squid beispielsweise sieht so aus oder Aragami von Lince Works. Der Anfang 2020 etablierte Begriff hierfür ist Faux-Fauvism. Ein wenig wie der Kunststil, den die französische Avantgarde um 1900 populär machte, nur eben digital und irgendwie falsch.

Polyplayer

Substantiv, maskulin oder als Präfixoid

Stellen wir uns eine Skala vor, die das Verhältnis zwischen Spielenden und Charakteren darstellt. Auf der einen Seite stehen Multiplayer, auf der anderen aber nicht etwa Singleplayer. Polyplayer ist der Begriff, den ihr an dieser Stelle sucht! Er beschreibt Spiele, in denen ein Mensch mehrere Charaktere steuert. Nicht ganz so wie die A- und B-Geschichten von Resident Evil oder die X spielbaren Figuren in Mortal Kombat. Eher wie das interaktive Familiendrama Children of Morta. Vorsicht ist außerdem geboten bei der Abgrenzung des Genres von Gottsimulationen oder Strategietiteln, wo ein gesamtes Volk über Leisten, Menüs und Fenster befehligt werden kann. Polyplayer zeichnen sich dadurch aus, dass die gesteuerten Charaktere allesamt die alleinigen Protagonisten sein können, aber eben innerhalb eines Runs gesteuert werden.

Prestige Indie

Substantiv, Neutrum

Es gibt Indies und dann gibt es Indies. Um der lästigen Frage zu entgehen, wo die Grenzen der Unabhängigkeit liegen, haben wir den Begriff des Prestige Indies etabliert. Das sind eben jene Spiele (wahlweise auch EntwicklerInnen), die weder in Jams entstanden sind noch in der Freizeit, die über ein mehrstelliges Budget verfügen, aber nicht von Triple A-Publishern vermarktet werden. Typischerweise erscheinen Prestige Indies bei Publishern wie Headup Games oder Devolver Digital. Sie sind innerhalb der Gaming-Bubble ein Begriff, für True Indies schon längst keine Geheimtipps mehr, aber auch weit von Fortnite-Popularität entfernt. Zusätzlich zeichnet sie ein hoher Qualitätsanspruch aus, der sich in kohärenter Ästhetik, elaboriertem Storytelling oder auf Hochglanz poliertem Gameplay widerspiegelt. So zu finden in Sayonara Wild Hearts, What Remains of Edith Finch oder Bastion.

Neo-PaC

Substantiv, Neutrum; neo (von altgriechisch νέος néos ‚neu‘, ‚frisch‘, ‚jung‘), PaC (Akronym Point and Click)

Jedes Point-and-Click Adventure, das weder von LucasArts noch Daedalic ist, das entsprechend keine absurden, schwachsinnigen und unlogischen Rätsel und stumpfen bis unnötigen Humor besitzt, den manche in ihrer verklärten Nostalgie bis heute witzig finden, und die toxisch-problematischen Tendenzen als edgy und “ihrer Zeit voraus” missverstehen, qualifiziert sich als Neo-Pac. Im Grunde sind Point-and-Click Adventures also erst seit der Entstehung dieser Erweiterung des Begriffs spielbar. Als Vorreiter der Neo-Pacs wären Four Last Things mit grenzenlos grenzwertigem Galgenhumor und Vintage-like Art Style, der verführerisch “innovativ” auf die Innenseite meiner Augenlider schreibt, sowie Unforeseen Incidents mit seinen halbwegs sinnvollen Puzzles und zumindest absichtlich bis zur Verschwörungstheorie überdramatisierten Plot zu nennen.

Zenventure

Substantiv, Neutrum

Hinter diesem findigen Neologismus verbirgt sich nichts anderes als ein Abenteuer, das so einfach ist, dass es meditativ wirkt. Schöne, kompakte Spiele, die weggespielt werden können und weder kognitive noch motorische Herausforderungen darstellen. Langweilig sind sie dennoch nicht. Sich in Trance spielen, eine seichte Geschichte verfolgen und direkt vergessen, halb-automatisierte Tastenkombinationen vollführen - das sind Zenventures. Aber auch Wohlfühlstimmung ohne Hektik und eine feinfühlige Ansprache schwieriger Themen machen ein Zenventure aus. Wer Beispiele lieber mag als Definitionen, ist mit LUNA, A Short Hike und Eastshade gut bedient.