In katabasis ist der Überwachungsstaat ein zorniger Gott

In katabasis ist der Überwachungsstaat ein zorniger Gott

Identät und Überwachung sind nur zwei Themen, die der Horror-Hacking-Mix in einer halben Stunde Spielzeit bis zu seinem finalen Twist anreißt.

Und was für ein Twist das ist! Aber fangen wir noch mal ganz spoilerfrei von vorne an. katabasis des Entwicklers @verillious spielt in einer dystopischen Zukunft. Die Hauptfigur will dem mysteriösen Tod ihres Vaters auf den Grund gehen und dringt mithilfe des Hackers Wildcard in das allwissende Archiv des totalitären Überwachungsstaates ein – aber nicht physisch, sondern ganz Matrix-Style über eine Direktverbindung ins Gehirn.

Dadurch hat katabasis anders als Hacking-Games mit "realistischen" Interfaces (vgl.: Hacknet, Uplink, hackmud) eine Carte Blanche bei der Darstellung seiner digitalen Welt. Mal erinnert die Umgebung an Tron, wenn per Plattformer-Puzzle eine Firewall überwunden wird, mal eher an die Matrix, wenn eine labyrinthartige Bibliothek anstelle von Büchern nur Festplatten beherbergt.

Ohne Pausen rast katabasis durch verschiedene Szenerien und springt dabei übergangslos von düsterer Schreibtischrealität über retrofuturistischen Cyberspace zu einem traumhaften Palmenstrand. Dieses Vermischen von Stilen ist weniger beliebig als es klingt, sondern sorgt dafür, dass das Spiel jederzeit unberechenbar bleibt - eine Eigenschaft, die zusammen mit dem in der Idee eines "Seelen-Servers" an das unterschätzte Kleinod Master Reboot erinnert.

Das Tempo, mit dem katabasis seine Geschichte voranpeitscht, lässt genau zwei Mal Zeit zum Atmen: am Anfang und am Ende. Im Intro hat man beliebig viel Bedenkzeit in der realen Welt, bevor der eigentliche Hack beginnt. Und der finale Twist ist kein plötzlicher Schlag in die Magengrube. Nein, er zeichnet sich schon lange vor der eigentlichen Enthüllung langsam ab. Diese wissende Erwartung lässt alles wie in Zeitlupe erscheinen und das Ende noch viel stärker wirken, wenn es dann endlich so weit ist.

katabasis schreckt trotz des kleinen Umfangs nicht vor großen Metaphern zurück. Das Hacking-Tool heißt "deus.exe", als Desktophintergrund dient ein blutender Jesus und der Titel selbst soll in der klassischen Musik (zumindest laut Wikipedia, denn so weit reicht mein Schulwissen dann doch nicht zurück) "Unterwürfigkeit, Schmerz und Ehrfurcht" zum Ausdruck bringen. Das habt ihr vermutlich mal in 'nem Stück von Bach gehört. Und worum ging's bei Bach? Natürlich immer um Gott. Der ist hier ein alles sehender Überwachungsapparat, der nicht all zu weit von unserer digitalisierten Realität entfernt ist. Aber es ist ein zorniger Gott, ein Altes-Testament-Gott.

Das ist alles ganz schön viel für so ein kleines, kurzes und kostenloses Spiel. Aber es funktioniert... und macht neugierig auf das, was verillious in Zukunft noch liefern kann.