In der kaputten Cyberpunk-Welt von Cloudpunk ist eine Hunde-KI der beste moralische Kompass

In der kaputten Cyberpunk-Welt von Cloudpunk ist eine Hunde-KI der beste moralische Kompass

Zwischen Transhumanismus und KI-Ethik gibt es im Cyberpunk viele Grauzonen. Gut, dass ich mich im Voxel-Adventure auf den Rat meines Fellfreunds verlassen kann.

Der Stadtteil The Marrow liegt in den untersten Ebenen der schwebenden Cyberpunk-Stadt Nivalis. Er ist weit weg vom Glitzer des Spire, aber trotzdem geplagt von blinkenden Neonreklamen und konstantem Regen. Als Rania, Migrantin aus dem ländlichen Umland und frisch beim zweilichtigen Lieferdienst Cloudpunk angestellte Kurierfahrerin, schlürfe ich auf einer der zahlreichen Gebäudeinseln des Marrow eine Schüssel Ramen mit zweifelhaftem Inhalt, während im Hintergrund ein ganzer Häuserblock in die Tiefe stürzt. So weit, so normal in der Welt des Voxel-Adventures.

Denn so ziemlich alles in Nivalis ist kaputt. Ob ausfallende Werbetafeln, wild blinkende Ampeln auf den Flug-Highways oder die Gesellschaft, die trotz Gleichstellungsgesetze für Androiden und Menschen immer noch mit Klassismus und Rassismus kämpft. Obendrein muss ich mich an jeder Ecke mit dem Konzept von CORA herumschlagen. Für die einen ist es Schicksal oder Gott, für die anderen eine kaputte und überlastete KI, für mich ein großes Rätsel. Und als wäre das nicht genug, wird meine Spielfigur selbst mit der kulturellen Aneignung ihrer angedeuteten nahöstlichen Kultur, den Problemen von Gigwork und zerbröckelnden physischen und sozialen Systemen konfrontiert.

Wie ich damit umgehe, darf ich an manchen Stellen in moralischen A/B-Entscheidungen bestimmen. Liefere ich ein tickendes Paket ab, oder werfe ich es in den Müll? Gebe ich einer Gruppe Büro-Androiden, deren Meister längst verstorben ist, ihre Freiheit wieder oder lasse sie in dem Glauben, dass alles wie gehabt weiterlaufen kann? Die korrekte Antwort auf diese zentralen Fragen zu geben ist nicht immer leicht. Aber es lohnt sich, auf Camus zu hören.

Nein, nicht den französischen Philosophen. Sondern Ranias besten Freund, der eigentlich in einem robotischen Hundekörper lebt, aus Geldnöten aber in ihren schrottigen Dienstwagen eingebaut wird. Camus ist eine KI mit Hundepersönlichkeit, und das macht ihn zur wohl interessantesten Figur des ganzen Spiels. Denn während ich mich damit herumquäle, wie ich mich zu verhalten habe, dampft mein KI-Kumpel die meisten Fragen auf eine einfache Dualität ein: Helfe ich mit dem, was ich tue, den Personen, oder schade ich ihnen?

Wie es sich für einen good boy gehört wirkt Camus erst mal treudoof, aber hinter der liebenswürdigen Fassade steckt ein erstaunlich wacher Geist, ein moralisches Korrektiv, das fast instinktiv die richtige Lösung für meine Probleme präsentiert. Das Beste daran: Camus tut das nicht aus Hörigkeit gegenüber seiner Besitzerin, sondern aus echter Freundschaft und Fürsorge.

Denn ohne, dass ich mich dafür entscheiden muss, überlasst Rania ihrem virtuellen Hundefreund die Wahl, ob er bei ihr bleibt oder als freie KI durch Nivalis streift. Spoiler-Alarm: Er bleibt, aus freiem Willen. So könnte das mit dem fruchtbaren Zusammenleben von Mensch und Maschine oder generell Menschen in einer zerbröselnden Welt vielleicht doch klappen: Mit Respekt, Geduld und Kommunikation auf Augenhöhe. Und genügend Ausflügen in den Park zum Stöckchenwerfen versteht sich.