In Wolfenstein: The New Order siegt die Empathie über den Faschismus

Das Reboot des Nazi-Shooters endet mit einer starken Botschaft für mehr Menschlichkeit und ist damit aktueller denn je.

Natürlich ist Wolfenstein: The New Order in erster Linie ein Unterhaltungsprodukt. Es ist ein rasant inszenierter Blockbuster, in dem ich zwei Shotguns schwingend auf den Mond fliegen kann, um dort Weltraum-Nazis zu töten, und das macht auch wahnsinnig viel Laune. Aber unter der Oberfläche des von Schundliteratur inspirierten Scifi-Spektakels verbirgt sich ein thematischer Kern, der heute aktueller wirkt denn je.

Wenn der Klan wieder mit Fackeln durch die Straßen marschiert und in Deutschland fast 1000 Brandanschläge auf die Unterkünfte von Geflüchteten stattfinden, dann ist ein Spiel über die Weltherrschaft eines faschistischen Regimes keine ganz so weit entfernte Fiktion. Dieser Verantwortung waren sich die Schweden von MachineGames bewusst.

So viel Spaß The New Order mit dem Shooter-Gameplay hat, so viel Zeit nimmt sich das Spiel auch immer wieder, um die andere Seite dieser von Nazis beherrschten Welt zu zeigen. Rund um den Supersoldaten William Blazkowicz sammelt sich eine Truppe von Widerstandskämpfer_innen, die um ihr Leben fürchten müssen: Juden, Schwarze, Lesben, körperlich und geistig Behinderte. Die diversen und größtenteils ohne Stereotypen gezeichneten Figuren sind das menschliche Gegengewicht zu den uniformen, gesichtslosen und comichaft überzeichneten Nazis.

Mel Brooks kritisierte in einem Interview Roberto Benignis Das Leben ist schön: "Die Philosophie des Films ist: Der Mensch kommt über alles hinweg. Nein, kommt er nicht. Nicht über das KZ." Hier kippt The New Orders Balance am ehesten. Das Spiel zeigt ein Lager, das an ein KZ erinnert, deutet die industrielle Vernichtung von Menschen allerdings nur an.

Denn nicht die Unmenschlichkeit der Nazis steht im Mittelpunkt, sondern die Menschlichkeit derer, die sich ihnen entgegenstellen. Nach dem letzten Boss liegt der Soldat Blazkowicz im Sterben und die Kamera springt zu Anya, der polnischen Krankenschwester, die ihn einst pflegte. Gerade noch explodierte ein retrofuturistischer Mech mit Hakenkreuz, nun wird in der folgenden Stille ein Gedicht von Emma Lazarus zitiert: "Hier an unserem meerumspülten hesperischen Tore soll stehen eine mächtige Frau mit Fackel, deren Flamme der eingefangene Blitzstrahl ist, und ihr Name Mutter der Verbannten lautet."

Das Gedicht heißt The New Colossus und steht auf einer Bronzetafel in der Freiheitsstatue. Hier steht Anya mit einer Laterne am Ufer und begrüßt die flüchtenden Opfer des Krieges. Sie wird zur lebenden Freiheitsstatue, einem Symbol, das Amerika 2017 vergessen zu haben scheint und eines, das Europa völlig fehlt. Aber für diesen einen Moment hat die Empathie gesiegt, das Mitgefühl mit den Verfolgten. Auch der Kampf gegen die Nazis unserer Zeit, gegen "Alt-Right" und AFD, wird nicht mit heldenhaften Soldaten in den Gräben Europas gewonnen. Dieser Krieg muss von Zivilist_innen geschlagen werden, die sich mit Mut und Menschlichkeit der hasserfüllten Ideologie entgegenstellen. Und das hatte The New Order schon vor drei Jahren verstanden.