Zeigt uns Dungeons & Deadlines die Lösung für eine perfekte Work-Life-Balance?

Zeigt uns Dungeons & Deadlines die Lösung für eine perfekte Work-Life-Balance?

Außerdem gehen wir heute der Frage nach, wie viel Systemkritik und pathetische Anprangerei ein Text verträgt.

Tatsächlich ist Dungeons & Deadlines ein irreführender Titel. Die einzigen RPG-Elemente sind die Attribute Familie, Gesundheit, Stress und Ansehen, aber mit Abenteuern hat dieses Spiel wirklich gar nichts zu tun. Oder mit Dungeons, wobei das letztendlich von eurer Definition eures Arbeitsplatzes abhängt. Das Spiel selbst erklärt folgendes:

"Imagine a world where you sell your labour power for less than the value produced by your labour, and your company profits from this surplus value. Welcome to Dungeons & Deadlines, a card game where you have to balance work and life, success and sanity, career and family to survive. How long will you last? Will you burn out or fade away?"

Es geht, wie der Titel des Textes und der Teaser des Spiels verraten, um die perfekte Work-Life-Balance. Gerät einer der vier Werte in einen kritischen Bereich, ist das Spiel vorbei. Um nun die 62 Tage Probezeit zu überstehen, ohne zu sterben oder gefeuert zu werden (because there isn’t more to life than that), muss jeden Tag aufs Neue gewählt werden: Möchtet ihr euch reinhängen, “spreadsheet your ass off”, wie es Dungeons & Deadlines so wortgewandt formuliert, oder locker vor euch hin tippen und einmal zu oft als zu selten Kaffee holen? Wollt ihr pünktlich oder früher kommen, pünktlich oder früher gehen?

Es ist ein Ding der Unmöglichkeit in diesem Spiel ein ausgeglichener Mensch zu sein. Dadurch ist es entsprechend kurz, und das wiederum macht Dungeons & Deadlines zu einem idealen Spiel für die Arbeit. Ganz zu schweigen von seiner erleuchtenden, geradezu desillusionierenden Message: Das Spiel ist eine Persiflage der Gamification am Arbeitsplatz. Eine Hyperbel von Effizienz und toxischer Work-Work-Balance-Ethik. Denn es geht immer nur darum, möglichst viel aus dem Leben herauszuholen, Bürobienchen mit spielerischen Methoden zu motivieren und möglichst selten daran zu denken, dass der Mehrwert der eigenen Arbeit nicht bei einem selbst bleibt.

Während sich die Zahnräder des Systems unermüdlich drehen, starten wir den nächsten, unbescholtenen Versuch in Dungeons & Deadlines. Dabei könnte man dem Spiel fast schon unterstellen, dass es durch seine bloße Existenz, der Ablenkung von der Arbeit und dem Schaffen von Aufmerksamkeit für gesunde Lebensweisen, seinen Beitrag zu hedonistisch anmutendem Gedankengut leistet. Erkenne das System, zerstöre das System, werde glücklich. Irgendwie so.

In einer Gesellschaft, die Leistungssteigerung fordert, die sich in einem Teufelskreis nie endendem Online-Daseins befindet, die das Anhäufen von Privateigentum als Erfolg wertet und die uns an jeder Ecke das neue Erfolgsrezept gegen Müdigkeit, Stress, Burnout anpreist, das so effektiv wie eine Ibu gegen Krebs ist, ist Dungeons & Deadlines der Dorn in einer Rosenhecke, der Stern an einem Sternenhimmel, das Auto auf Deutschlands Autobahnen, der Baum im Wald: Leicht zu übersehen, fast egal und doch ein integraler Bestandteil des Ganzen.

Um also meine eingangs gestellten Fragen endlich zu beantworten: 1. Nein. 2. Nicht viel.