Super Nintendo Mini und PlayStation Classic sind die Geschichtsschreibung der Gewinner

Super Nintendo Mini und PlayStation Classic sind die Geschichtsschreibung der Gewinner

Retro-Konsolen sind cool, aber kommen zu einem hohen Preis. Die Archivierung der Videospielgeschichte darf nicht allein den großen Playern überlassen werden.

War ja klar: Nach dem absurden, aus dem Nichts einen ganzen Schwarzmarkt schaffenden Erfolg von Nintendos Mini-Varianten ihrer ersten beiden Heimkonsolen hat jetzt auch Sony eine eigene Retro-Hardware angekündigt. Die allererste PlayStation (only 90’s kids will remember) gibt es bald als klitzekleine PlayStation Classic, dafür mit HDMI und 20 vorinstallierten Spielen aus den guten alten Tagen der frühen 3D-Grafik.

Das triggert, genauso wie bei Nintendo, Erinnerungen und macht sich gut als nettes, nostalgisches Weihnachtsgeschenk für eben diese 90‘s kids that remember oder deren Kinder, die zwischen Fortnite und Minecraft endlich mal was Gescheites zocken sollen.

Auch wenn es ein Kinderspiel ist, den spottbilligen Raspberry Pi zum Multimedia-PC mit 20.000 Spielen umzuwandeln, ist es doch immer noch einfacher, die Retrobox mit Trademark und Copyright an den Fernseher zu klemmen. Und eigentlich möchte ich zu dieser Tortur auch niemandem raten.

Mit einer echten, lebendigen Archivierung des Mediums Videospiel hat das allerdings weniger zu tun. Das liegt an der strikten Kontrolle, die die Rechteinhaber über die Geräte und was wir damit anstellen können haben. 20, vielleicht 30 Spiele einer ganzen Generation von Spielen werden ab Werk auf Geräte gepresst. Mehr gibt es nicht und wird es wohl niemals geben.

Es sind lückenhafte Erinnerungen, die Sony und Nintendo da verkaufen. Sowohl in der verkleinerten Hardware im originalen Look als auch im behutsam vorsortierten Spielekatalog erweckt diese neue Nische der Retro-Mini-Konsolen den Eindruck, einen ultimativen Querschnitt zu bieten. Eine gesamte Generation wird auf einen überschaubaren Kanon heruntergebrochen — ausgewählt vom Publisher. Dabei geht zwangsweise viel verloren.

Es ist in dieser auf Dauerfortschritt getrimmten Industrie natürlich toll, dass zu Weihnachten mal wieder oldies mit den fellow kids vor’m Fernseher hocken und Tekken 3 und Balloon Fight zocken. Doch die Zugänglichkeit dieses Flashbacks kommt mit einem noch höheren Preis, als dubiose eBay-Händler verzweifelten Eltern jemals abringen könnten.

Dass Nintendo zuletzt wieder verstärkt rechtlichen Druck auf Anbieter von ROMs ausübt, ist kein Zufall, sondern ging dem Release ihres kostenpflichtigen Onlinedienstes voraus. Einer dessen Verkaufspunkte sind alte Spiele. Und auch wenn hinter ROMs und Emulatoren nur selten ein Geschäft steht, hinter Nintendos Retro-Katalog tut es das.

Für Firmen wie Nintendo, Sony und alle anderen, die dem Beispiel noch folgen werden, steht eine zugängliche Geschichte des Mediums ihrem kommerziellen Vertrieb im Weg. Wenn Remasters, Remakes und Retrokonsolen sich dank ihrer Bequemlichkeit gut verkaufen, ist das kostenlose digitale Museum nicht mehr als Konkurrenz.

Echte Archivierung findet ob dieser eingeschränkten Bemühungen zwangsweise woanders statt. Emuparadise, eine der größten Quellen für ROMs, hat dem Druck bereits nachgegeben. Angesichts des Trends zu offiziellen Retroangeboten wird dieser Druck nur steigen. Und da ist zunehmend jede und jeder von uns gefragt, die die Erhaltung der jungen Geschichte der digitalen Spiele für lückenlos erhaltenswert halten. Auch, wenn Torrent-Seeds und Linux-Distributionen unbequemer sind, als die fertig verpackte Miniatur-PlayStation.

Für das Famicom, im Westen als NES bekannt, erschienen 714 Spiele. Für das Super Nintendo waren es 1757. Für die PlayStation erschienen 2587 Spiele. 71 dieser 5058 Spiele können wir beim nächsten Besuch im Elektronikmarkt im Sonderangebot mitnehmen. Ein Ticket für’s Museum kaufen wir damit nicht.