Kunden, die Windows 95 kauften, kauften auch Kingsway

Das minimalistische RPG erregte vor einigen Wochen Aufsehen mit seinem Aussehen. Dahinter verbirgt sich das klassischste aller klassischen Rollenspiele.

Zunächst muss gesagt werden, dass sich Kingsway nicht selbst als “Minimalist-RPG” bezeichnet, stattdessen sieht es sich als Betriebssystem des Monster tötenden und Gilden beitretenden Abenteurers. Sowohl das kreative Interface als auch das Gameplay, das sich einzig und allein auf die Grundelemente eines Rollenspiels beschränkt, erwecken den Eindruck, dass Kingsway die Quintessenz des Rollenspiels sein möchte. Und, wie sich herausstellt, gleichzeitig eine moderne Sirene des Mediums ist. Doch anstatt mit verführerischen Klängen zu locken, packt es Spielende an ihrer Oberflächlichkeit und dem Verlangen nach Nostalgie und versenkt sie in einem Sumpf aus Permadeath und der Hoffnung auf ein gutes Spiel.

Kingsway ignoriert alle Errungenschaften moderner Technik und lässt High-End-Grafik links liegen. Stattdessen zeigt es sich mit dem stark an Windows 95 angelehnten Interface betont retro. Dass diese Idee - gespickt mit einigen kreativen Einfällen wie Popups, die erscheinen, wenn Spielende in eine Falle treten - funktioniert, liegt nicht zuletzt daran, dass sie so simpel ist. Jeder Mensch, der jemals ein RPG gespielt hat und/oder jemals einen Windows-Rechner bedient hat, findet sofort einen Weg in das Spiel, das abseits seines Aussehens mit Zurückhaltung glänzt. Sowohl Interface als auch Gameplay reproduzieren altbekannte Mechaniken, die uns seit Jahrzehnten begleiten, und gerade deshalb wird nach wenigen Stunden mit Kingsway klar, dass eine einzige clevere Idee nicht reicht.

Die Grafik ist das markanteste Charakteristikum, das Kingsway schon zum Release so populär macht, doch es ist seine stoische Hartnäckigkeit, mit der es am Anfang immer und immer wieder überzeugt. Wie ein Roguelike motiviert es Spielende auch nach dem Permadeath (möglicherweise dem einzigen Feature, das nicht zum Rollenspiel-Archetypen passt) einen neuen Anlauf zu starten. Dank unterschiedlicher Klassen und immer wieder neu angeordneten Maps bleibt eine Routine vorerst aus und das Spiel macht, nach dem Herunterschlucken der vorherigen Niederlage, weiterhin Spaß. Das berauschende Gefühl eines neuen Abenteuers und die Spannung angesichts des Unbekannten sind jedoch nur von kurzer Dauer. Denn auch wenn Minimalismus und Simplizität im Grunde gute Ideen sind, funktionieren sie hier nur bedingt und bei kurzfristigen Spielesessions. Zu eintönig wird das Looten von Dungeons, das Bekämpfen von Gegnern und Verkaufen der gefundenen Items in den reichlich vorhandenen Dörfern und Städten. Wer die Herausforderung sucht, kann zwar frühzeitig in schwierige Gefilde vorstoßen, doch abgesehen von besserer Ausrüstung und stärkeren Gegnern, die nun nicht nur mit einfachen Angriffen, sondern auch mal Zaubern oder Tränken besiegt werden wollen, gibt es auch hier wenig neues. Hoffnung machen allein die Achievements, die wie unheilvolle Omen auf der Steamseite prangern: Mehrere Enden sollen den Ehrgeiz wecken und Spielende animieren das Spiel mehr als einmal durchzuspielen. Mich konnte Kingsway noch nicht für dieses Unternehmen begeistern.