Last Day of June ist eine tragisch-schöne Liebesgeschichte, die existenzielle Fragen aufwirft

Eine poetische Auseinandersetzung mit Leben und Tod, die dank zarter, kluger und trauriger Momenten (und Steven Wilson) überzeugt.

Das Leben ist immer eine Mischung aus dem, was wir tun und dem, was uns einfach passiert. Manchmal treffen wir Entscheidungen, die enorme Konsequenzen haben. Manchmal entscheidet aber auch nur der Zufall, gerne als Schicksal verklärt, wie es weitergeht – oder ob. Doch was ist einfacher zu ertragen: zu wissen, dass wir ein tragisches Ereignis hätten verhindern können, wenn wir etwas anders gemacht hätten, oder die Erkenntnis, dass wir dem Zufall – und damit dem Lauf der Dinge – machtlos ausgeliefert waren?

Um diese Frage dreht sich das Adventure Last Day of June. Die Idee des Spiels entstammt unter anderem dem tieftraurigen, aber wunderschönen Video zum ebenso schönen Song Drive Home von Porcupine-Tree-Mastermind Steven Wilson, der auch die großartige Musik zum Spiel beigesteuert hat. Wie seine Inspiration erzählt Last Day of June eine Geschichte, die unter die Haut geht: Eine Verkettung unglücklicher Umstände führt dazu, dass Carl seine Freundin June bei einem Autounfall verliert und selbst im Rollstuhl sitzt. Carl versucht nun mithilfe einer Art Zeitmanipulation, den Verlauf des entscheidenden Tages so zu ändern, dass er June retten kann.

Der Schlüssel sind die anderen Bewohner des idyllischen Dorfs, in dem das Spiel angesiedelt ist: Lässt sich verhindern, dass der kleine Junge seinem Fußball hinterher auf die Straße läuft, wenn wir einen anderen Spielkameraden für ihn finden? Und können wir die Nachbarin dazu bringen, dass sie ihre Umzugskisten transportsicher auf dem Auto festzurrt?

Doch das Leben ist kein schlichtes Ursache-Wirkung-Spiel. Vielmehr bilden unzählige Faktoren und Entscheidungen ein komplexes Kausalnetz, sodass wir selbst im Mikrokosmos von Last Day of June nichts verändern können, ohne dass sich an anderer Stelle neue Zusammenhänge ergeben. Mit jedem Schritt, den wir bei Junes Rettung vorankommen, drohen wir anderswo einen Schritt zurückgeworfen zu werden. Damit verbindet Last Day of June Aussage, Handlung und Rätselmechanik auf faszinierende Weise.

Vor allem aber ist es atmosphärisch eine Wucht: Die friedliche, pastorale Stimmung der Spielwelt ist so liebenswert wie trügerisch, immer wieder wird sie durchbrochen von düsteren, traumartigen Sequenzen, in denen sich Carls Verlustschmerz entlädt. Unter der Oberfläche des scheinbar sorglosen Alltags der Dorfbewohner lauern Tod, Enttäuschung und Schmerz. Wie sehr sie ein menschliches Leben prägen können, erfahren wir durch das Einsammeln von Erinnerungen, die Einblick in die Vorgeschichten der Charaktere geben.

So transportiert Last Day of June die existenzielle Erkenntnis, dass die schmerzhaften Erfahrungen zum Leben ebenso dazugehören wie die schönen, verklärt dabei aber nichts: Der Verlust eines geliebten Menschen hat keine positive Seite, kein tröstliches Element. Zwar können wir hier versuchen, den Lauf der Geschichte zu verändern, doch das Spiel mit der Realität hat seinen Preis. Je länger wir uns bemühen, Junes Tod zu verhindern, um so mehr wird das Spiel deshalb zu einer Auseinandersetzung mit der Frage, wie wir mit Schicksalsschlägen umgehen. Es ist vor allem der Intensität von Last Day of June zu verdanken, dass diese Frage noch lange nachhallt, wenn die Credits längst gelaufen sind.