Man muss Kunst nicht verstehen, um Future Unfolding zu mögen

Die abstrakte Erkundungstour ist ganz große Kunst, aber glücklicherweise nicht zu verkopft.

Schließlich kann ich einen Richter auch ohne Bachelor of Arts auf mich wirken lassen – vielleicht sogar noch besser, als jemand, der allzu verkopft zu Werke geht. Future Unfolding ist wie ein abstraktes Bild, der eher Gefühle als Gedanken hervorruft. Was dem Spiel der Berliner Spaces of Play im Gegensatz zu den Gemälden im Museum allerdings fehlt, ist eine Gebrauchsanweisung. Statt auf den hilfreichen Audioguide bin ich also ganz allein auf meine eigenen Eindrücke angewiesen, um einen Sinn darin zu finden, aus der Vogelperspektive ziellos durch einen bunten Wald zu laufen.

Und ziellos bin ich wirklich. Future Unfolding gibt kein deutlich markiertes Missionsziel vor, sondern wirft mich einfach hinein in seine Welt. Sogar den ersten Knopfdruck, der das Spiel überhaupt erst startet, muss ich durch zufälliges Herumspielen am Controller selbst entdecken. Es gibt zwar Rätsel, Labyrinthe, überwindbare Abgründe und reitbare Fabelwesen, aber letzten Endes ist die Erkundung der Spielwelt ein Selbstzweck. Am liebsten renne ich dabei über Steine. Die rutschen unter den Schritten meiner Spielfigur zur Seite und machen ein plätscherndes Geräusch, das an ein Percussioninstrument erinnert.

Einfluss auf das Spiel hat das scheinbar nicht, aber daran ist Future Unfolding auch weniger interessiert, als an der Neugier, die es beim Spielen weckt. Anfangs fragte ich mich noch, was das alles soll. Was ist der Punkt, was wollen mir die Künstler mit diesem Spiel sagen? Doch je mehr ich spiele, desto weiter rückt diese Frage in den Hintergrund. Und aus der Suche nach einem warum wird mehr und mehr ein Genießen des wie.

Die Bäume schwanken als frisch gesetzte Farbtupfer im Wind und die Spielfigur zieht beim Rennen eine blaue Linie hinter sich her, die an einen Pinselstrich erinnert. Manchmal verändern sich die Farben oder platzen unvermittelt aus dem Bildschirm heraus. Future Unfolding ist ein lebendiges Bild, das erst beim Spielen wirklich entsteht. Die verschiedenen Ebenen der zufällig erzeugten Landschaft zu entdecken ist dann fast so, wie im Museum die Schichten aus Ölfarbe auf einem Gemälde von Gerhard Richter zu verfolgen und sich aus ihnen seinen ganz eigenen Sinn zu erschließen.

Man muss eben nichts von Kunst verstehen, um Kunst zu verstehen. Erst recht nicht, wenn es so spielend geht.