My Child Lebensborn ist das spielerische Äquivalent zu Songs von My Chemical Romance

Es ist gut, es ist traurig, es hat irgendwas mit Jugend zu tun und ist gut.

Ich habe vorher noch nie von so genannten Nurture-Games gehört, aber mir erschloss sich damit kürzlich eine vollkommen neue Welt. In My Child Lebensborn bin ich Adoptivmutter eines Kindes, entweder Karin oder Klaus. Ich entscheide mich für letzteren und beginne meine Reise in einem kleinen Haus in Norwegen. Und was soll ich sagen, das Schicksal von Klaus (oder eben Karin) ist herzzerreißend.

Ich muss arbeiten, Klaus geht seit kurzem in die 1. Klasse. Ich muss mit wenigen Klicks kochen, dafür sorgen, dass Klaus regelmäßig badet, seine Pullover flicken, Zeitung lesen und mittels Gute Nacht-Geschichten das Glück des Jungen steigern. Viel wichtiger als der alltägliche Struggle sind jedoch die Unterhaltungen mit dem Jungen, die seine Persönlichkeit beeinflussen und optimistisch, zynisch, ehrlich oder ausweichend sein können.

Der Familienidylle stehen die Nachwehen des Krieges im Weg, Klaus dabei steht im Mittelpunkt der Anfeindungen. Es geht um Gruppenzwang, die Aufarbeitung von Geschichte und immer wieder Mobbing. Ich bin zwiegespalten zwischen dem Wunsch, dem Kind eine möglichst unbeschwerte Kindheit zu ermöglichen, und der frühen Konfrontation mit der harschen Realität, in der einem Kind seine Herkunft zur Last gelegt wird und Armut allgegenwärtig ist.

Bitte sagt mir jetzt nicht, dass Spiele Spaß machen MÜSSEN und weder politisch noch hinterfragend sein dürfen. My Child Lebensborn zu spielen macht mich traurig und vielleicht sind es masochistische Tendenzen, die es mich weiter spielen lassen. Vielleicht ist es aber auch einfach nur ein gutes und interessantes Spiel. Hinzu kommt natürlich, dass ich mich um Klaus kümmern muss.

Die Dialoge sind erstaunlich gut und lassen ihn überraschend menschlich wirken. Dagegen wirkt die Objektifizierung des Jungen fast schon niederträchtig, denn sobald ich das Telefon aus der Hand lege, ist er nicht mehr als ein Tamagotchi, mit dem ich mich beschäftige, wann immer es mir passt. Je länger ich so darüber schreibe, desto größer wird der Drang zu sehen, wie die Geschichte weitergeht, was ich ihm noch alles erklären muss, was wir zusammen machen und als was sich der nette Lehrer heraus stellt. (Tief in meinem Inneren weiß ich es schon, aber Klaus noch nicht und ich werde bei ihm sein, wenn er es erfährt.)

Wenn ihr diese fast schon krankhafte Bindung an ein Stück Code und hübsche Illustrationen jetzt nicht so schlimm findet, solltet ihr unbedingt My Child Lebensborn spielen und euch dann bei allen entschuldigen, die ihr in der Kindheit geärgert habt.