Neo Cab ist ein Spiel über und mit Emotionen

Neo Cab ist ein Spiel über und mit Emotionen

Identifikation mit Figuren in Spielen ist nie ganz einfach. Die Visual Novel mit Cyberpunk-Ästhetik schafft das trotzdem - dank geballter Gadget-Power.

Selbstfahrende Autos als Taxi-Ersatz, lebensechte Videofilter für das eigene Gesicht und die technifizierte Version von Stimmungsringen: So weit weg von der Wirklichkeit sind die Konzepte, die Neo Cab mir vor die Nase hält, nun wirklich nicht. Vielleicht ist es auch diese Tatsache, die mich von Anfang an so sehr an die Erlebenisse der Protagonistin Lina bindet. Dabei bietet sie oberflächlich betrachtet keine wirkliche Projektionsfläche für mich als weißen Cis-Hetero-Mann. Denn Lina, die als eine der letzten menschlichen Taxifahrerinnen die Gig-Economy-Fahne zwischen Smalltalk und Selbstausbeutung hochhält, ist eine queere PoC, die ihrer besten Freundin Savy in die Metropole Los Ojos und in ein neues Leben folgen will.

Die emotionalen Turbulenzen, in die sich Lina begibt, führt mir das Spiel direkt zu Beginn vor Augen. Durch innere Monologe, Gedankenfetzen, Erinnerungen an eine bessere Zeit und auch das Gespräche mit ihrem ersten Fahrgast Liam. Das führt mich nicht nur in die Prämisse des Spiels ein, sondern gibt mir auch einen Überblick in die Welt, in der ich mich befinde und in welchem Kontrast diese zu Linas ethischen und moralischen Vorstellungen steht.

Diese werden auch direkt durch Savy auf die Probe gestellt, die anscheinend in kriminelle Machenschaften verstrickt ist und nach einem kurzen Wiedersehen spurlos verschwindet. Bevor das passiert, überreicht sie Lina allerdings ein Feelgrid, das ihren emotionalen Zustand farblich codiert abbildet - blau für traurig, rot für wütend, gelb für aufgeregt und grün für entspannt. Hier kommt ein wirkliches kluges Element ins Spiel: Im Gespräch mit dem diversen Cast an Fahrgästen darf ich manche Antworten nur auswählen, wenn ich mich in einem bestimmten Farbspektrum befinde. Warum das so klug ist? Weil es zeigt, dass Lina in manchen Situationen nicht entgegen ihrer Emotionen handeln kann, beziehungsweise diese zu ihrem Vorteil nutzen kann.

Natürlich wirft das auch andere Fragen auf: Ist Selbstkonditionierung wichtiger als uneingeschränkte Ehrlichkeit? Wie manipulativ will ich mich gegenüber meinen Mitfahrer:innen präsentieren? Klar ist jedenfalls, dass die Hauptstory um die Gefahren von Big Data, unkontrollierter Technologie und Überwachung in Neo Cab eigentlich nebensächlich ist. Denn es sind die kleinen Geschichten und die damit verknüpften Gefühlswelten, die das Spiel so besonders machen.

Zum Beispiel wenn ich mit einer Frau debattiere, ob sie sich bei ihrem ersten Date mit einer Internetbekanntschaft so zeigen soll, wie sie ist, oder den Schein aufrecht erhalten soll. Oder wenn ich zwei stoischen Deutschen erklären muss, warum ich kein Roboter bin. Diese Interaktionen lösen mehr in mir aus als die letztliche Auflösung der Suche nach Savy. Denn auch wenn wir darauf konditioniert sind, gerade in Unterhaltungsmedien auf große emotionale Gesten anzuspringen, zeigt Neo Cab, wie wichtig die Nuancen im zwischenmenschlichen Miteinander sind und wie viel selbst nur ein einziges Wort oder ein Satz bewirken können.

So einen reality check hätte ich in einem derart futuristischen Spiel nicht erwartet. Dafür bin ich umso glücklicher, dass es die Visual Novel dann doch so gut schafft, mich trotz so wenig Projektionsfläche so eng an einen fiktiven Charakter zu binden.