Spielt Aeon Of Sands - The Trail nicht für sein Dungeon Crawling, sondern für seine Geschichte

Die Debatte zwischen Ludologie und Narratologie ist tot? Das Retro-First-Person-RPG hat den Defibrilator im Anschlag und ein Pratchett-Adams-Tagteam im Nacken.

Die Wahrheit tut manchmal weh. Im Fall von Aeon Of Sands - The Trail will ich direkt ehrlich sein: Das Dungeon Crawling des Rollenspiel-Spielbuch-Hybriden ist definitv nicht seine Stärke. Wer beim Gedanken an Ultima Underworld, Eye Of The Beholder oder Lands Of Lore allerdings schon feuchte Augen bekommt und Underworld Ascendant die Pest an den Hals wünscht, wird sich in der postapokalyptischen Low-Fantasy-Welt mit ihren Höhlen, Verliesen, Ratten und Sandkriechern direkt zu Hause fühlen. Aber auf rein mechanischer Seite hätte es den Erstling der Two Bits Kid ganz ehrlich nicht gebraucht.

Was Aeon Of Sands - The Trail besonders macht, ist die Fülle an trocken präsentiertem, hervorragend geschriebenem Text. Jedes einzelne Wort, jeder Begriff, jedes Lore-Häppchen transportieren mich in einen herrlich weirden und ernsthaft urkomischen Kosmos, in dem es sich auch Terry Pratchett, Douglas Adams oder die Monty Pythons gerne gemütlich gemacht hätten.

Denn das mittlerweile recht angestaubte Choose Your Own Adventure-Prinzip bricht das Spiel mit dermaßen Chuzpe und Witz auf, dass es eine wahre Freude ist. Das fängt schon damit an, dass der Protagonist Setrani, ein lahmarschiger, stinkfauler, selbstverliebter Beamter in der Wüstenstadt Pantella, sich am liebsten selbst reden hört und für den größten Helden überhaupt hält, obwohl er über den gesamten Spielverlauf der schwächste Charakter in meiner Party bleibt.

Dass gerade diese Witzfigur auserkoren wird, die gläserne Kuppel um den lebensspendenden Kinamibaum zu verlassen und nach einer verlorenen Karawane zu suchen, ist ein Scherz kosmischen Ausmaßes. Setrani stolpert auf der absolut genial erzählten Reise durch die postapokalyptische Wüste in merkwürdige Opferzeremonien, schlägt sich mit Cyberameisen und Nomaden herum oder spielt in einer mit Zähnen bewaffneten Sandgrube Zahnarzt – und das mit einer textlichen Unterfütterung, die dermaßen on point ist, dass sich mir immer wieder die Fußnägel vor Lachen nach oben rollen.

Ich meine, mal ganz ehrlich: In welchem Spiel kann man sich, die richtige Dialogauswahl vorausgesetzt, mit einer riesigen, Gehirne aus Schädel saugenden Egeldame anfreunden, die fortan in der eigenen Party kämpft? Lindsay ist übrigens eine hervorragende Kampfgefährtin – genau wie die anderen, schillernd-bunten Charaktere, die allesamt aus dem Pratchett-Playbook stammen könnten.

Nein, ich würde niemandem empfehlen, Aeon Of Sands - The Trail zu spielen, um seinen Dungeon-Crawling-Itch zu kratzen. Vielmehr sollte sich jede Person dieses Spiel anschauen, die das Gefühl hat, die Versoftungen der großen Werke der humorigen Fantasy- und Sci-Fi-Größen halten nie, was sie versprechen.

Setrani mag ein totales Windei sein. Aber ich hatte selten so viel Spaß, einen derartigen Unsympathen durch immer kuriosere und manchmal auch höchstgradig poetisch erzählte Begegnungen zu schubsen. Dafür nehme ich den Trek durch die Gameplay-Wüste gerne in Kauf.