The Game: The Game ist das schwerste Spiel, das ich je gespielt habe

Und das liegt an den Kämpfen ganz anderer Art als man sie aus Spielen gewohnt ist.

Wenn ich mittags eine belebte Straße entlang gehe und mir ein junger Mann in den Schritt fasst, fällt für einen Moment mein Glaubenssystem zusammen. Ich merke, dass mein Körper nicht mir gehört, sondern all den Menschen, die sich herausnehmen, ihn ungefragt anzufassen, zu kommentieren, zu beobachten. Wenn ich nachts nach einer Party eine schwach beleuchtete Straße entlang gehe, die einzige, die nach Hause führt, und zwei junge Männer hinter mir gehen, frage ich mich, an welchen Gebüschen ich möglichst schnell entlang laufen sollte oder welcher Schlüssel an meinem Bund der schärfste ist.

Es gibt unzählige Momente wie diese, von denen unzählige Frauen berichten. Dem liegt ein strukturelles Problem zugrunde, ein sexistisches System. Teil davon sind sogenannte Pick Up-„Artists”. Dabei haben sie anders als es der Begriff suggeriert rein gar nichts mit Kunst zu tun. Stattdessen geht es darum, “One size fits all”-Formeln zu finden, um Frauen rumzukriegen und mit rhetorischem Schnickschnack zu verallgemeinern, zu manipulieren und das Gegenüber auf das zu reduzieren, was man von ihr will. Nicht selten enden diese Anmachsituationen mit sexuellen Übergriffen oder Vergewaltigungen, weil ein “Nein” immer wieder anders ausgelegt und ausgeredet wird.

The Game: The Game basiert auf tatsächlichen Tipps, die die selbst ernannten Verführungscoaches propagieren und regelmäßig auf Seminaren oder im Internet zum Besten geben. Dass es hier nur um Selbstprofilierung und Narzissmus geht, gepaart mit einer nicht zu unterschätzenden Menge Toxic Masculinity und Frauenfeindlichkeit, ist längst kein Geheimnis mehr. The Game: The Game unterstreicht das deutlich.

Als Textadventure getarnt erscheint The Game: The Game zunächst recht harmlos. Aber auch wenn Distanzierung leicht sein sollte, weil es nur Text auf einem Bildschirm mit Illustrationen der Pick up-„Artists” ist, ist es relatable, “hits home”, wie man so schön sagt. Für viele Frauen sind die im Spiel dargestellten Szenarien nicht einfach nur Fiktion - sie passieren wirklich. In Bars, in Clubs, an Bushaltestellen, im Supermarkt. Es gibt zu viele Männer, die ein “Nein” nicht verstehen. Die denken, dass es mit dem richtigen Negativ-Kompliment schon klappt. Die nicht verstehen, wie schädlich es ist, Menschen jede Selbstbestimmtheit und Komplexität abzusprechen.

The Game: The Game zu spielen ist schwer. Fast jede Antwort, ganz gleich wie sie gemeint ist, wird von den Antagonisten verdreht und gegen einen verwendet. Was das Spiel fast unmöglich zu spielen macht, ist seine erwähnte Nähe zur Realität. Es ist beängstigend zu erleben, wie perfide Frauen manipuliert werden und zu sehen, wie wenig eine Frau für solche Pick up-„Artists” wert ist. Am schlimmsten ist das Wissen, dass mir selbst so etwas passieren kann und die Erinnerungen an die Momente, in denen es passiert ist.