NORTH ist ein Spiel über die Hürden des Asylverfahrens

Niemand weiß, was passiert, es gibt keine Quest und überhaupt ist alles ziemlich düster.

NORTH ist ein... ja, was ist NORTH eigentlich? Kunstprojekt, Metakommentar, Gesellschaftskritik, Indie-Spiel. Schon im Menü lassen die Synthesizer die folgende Nostalgie und Beklommenheit erahnen, im Kontrast dazu zeigt der Startbildschirm eine weite Landschaft in Knallfarben. Das Spiel selbst ist erstmal dunkel, nur schemenhaft lassen sich Umrisse und eine Skyline erkennen. Ein Brief an die eigene Schwester gibt nur wenig Hinweise, man ist neu in der fremden Stadt im Norden und versucht, hier Fuß zu fassen, möglicherweise die Familie nachzuholen, um die Heimat, den Süden, endgültig hinter sich zu lassen.

Doch wie genau die Dinge im Norden laufen, das weiß zunächst niemand. Selbst als jemand, der viel spielt, bin ich überfordert. Es ist niemand da, der mir sagt, was ich tun soll, es gibt keine Anhaltspunkte. Gleichzeitig fehlen auch die zahlreichen Eindrücke, NORTH ist keine Reizüberflutung und gerade deshalb eine Herausforderung. Während andere Spiele die Spielenden nicht lange auf den nächsten Input warten lassen und die Vielzahl an Möglichkeiten Nichtspieler_innen schnell überfordert, ist NORTH ein Gegenpol. Das Spiel hat fast gar keine Handlungsmöglichkeiten und wirft somit alle in die unscheinbare und sogar bedrohlich wirkende Stadt, ohne Aufgabe und Hilfestellung.

Im Norden warten Alienartige Bewohner, die eine fremde Sprache sprechen und sich seltsam verhalten. Es gibt eine mysteriöse Kirche und überall Überwachungskameras. Die eigene Unterkunft ist verdreckt, eine Wand fehlt und das Loch offenbart ein trauriges Bild der Stadt im Regen. Die Mitbewohnerin stirbt möglicherweise an einer Überdosis. Die Stadt könnte von einer verschwörerischen Elite kontrolliert werden. Alle fühlen sich verloren und suchen nach einem Sinn. Die Briefe an die Schwester sind das einzige Mittel, das Gesehene zu verarbeiten und etwas daraus zu schließen. Nach vielen neuen Eindrücken verfasst der Protagonist einen Brief an seine Schwester und kurz vor dem Verschicken können auch wir ihn lesen. Die Vorgänge in der Stadt sind undurchsichtig, was nicht zuletzt vom sehr dunklen Design der Stadt reflektiert wird. Es gibt keine klar definierte Aufgabe und wie ein Damoklesschwert schwebt der Drang etwas zu erreichen und die eigene Ohnmacht über Spielenden, die sich verloren fühlen.

NORTH ist ein Spiel über die Hürden des Asylverfahrens und thematisiert die aktuelle Flüchtlingskrise. Die Entwickler aus Berlin haben bewusst etwas erschaffen, das Spielenden keine Orientierung, keine Individualität bietet. Ihr musikalischer Hintergrund hat geholfen, die Welt noch ein wenig bizarrer zu machen und den passenden Soundtrack für das dystopische und surreale Erlebnis zu schaffen. Das Spielprinzip scheint nichtsdestotrotz für viele schwer begreifbar, immerhin gibt es kein Questtagebuch, kein Interface mit Karte, keine eindeutigen Gegner. Die Unsicherheit und das unangenehmen Gefühl, das NORTH damit bewusst provoziert, schlägt sich in den zu diesem Zeitpunkt "Ausgeglichenen" Steam Reviews nieder und zeigt, dass NORTH möglicherweise ein Spiel ist, das besonders für diejenigen interessant ist, die eigentlich gar nicht spielen und somit offen für interaktive Erlebnisse wie dieses hier sind. Dennoch möchte ich NORTH empfehlen, denn es ist ein deutlicher Blick über den Horizont.