Vier Spiele, die 2019 mein Genreverständnis umgekrempelt haben

Vier Spiele, die 2019 mein Genreverständnis umgekrempelt haben

Wir alle haben Erwartungen an bestimmte Genres. 2019 brechen vier Spiele besonders klug damit und bereichern die Spielkultur dadurch enorm.

Untitled Goose Game: Kleines Risiko, große Belohnung

Dreitagebärtige Grummelmacker, die von Schatten zu Schatten huschen und ihre Gegner lautlos ausschalten? Psch. Schnee von gestern. Die Schleichheldin von heute schwimmt immer oben und hat einfach den gewissen Quak. Denn Untitled Goose Game hat mir gezeigt, dass Stealth nicht immer mit hohem Risiko verbunden sein muss, um mich in seinen Bann zu ziehen. Wenn ich eine Aufgabe von der To-Do-Liste der Gans nicht beim ersten Mal schaffe, wartet kein Game-Over-Bildschirm, sondern ein neuer Versuch, ohne Handicap. Und noch viel wichtiger: Um ans Ziel zu kommen, muss ich keine Leben beenden oder unentdeckt bleiben. Es reicht, wenn ich einen Gärtner dazu bewege, seinen Sonnenhut aufzusetzen. Der passt bei dem im Spiel herrschenden Wetter eh viel besser. Schleichen gegen Sonnenstich? Da bin ich dabei.

Outer Wilds: Offenes All ohne Stützräder

Als ich die Zählmarken der VG Wort, sowas wie die GEMA für Autoren, für dieses Jahr einreichte, war ich leicht schockiert. Denn ich hätte niemals erwartet, dass mein Test zu Outer Wilds die Aufrufgrenze knacken und dementsprechend so viele Menschen interessieren würde. Das Spiel macht in den Augen der gam0r-Community eigentlich alles falsch, was ein Open-World-Spiel falsch machen kann: Keine Questmarkierungen, keine überall abrufbaren Logs, kein Inventar, kein Crafting, kein Talentbaum. Zudem ist das Sonnensystem gerade mal eine Handvoll Planeten groß, die auch nicht wirklich viel Fläche einnehmen. Aber dieses Gefühl, das Mysterium einer verschwundenen Rasse ganz alleine lösen zu können und sich durch Deduktion eine ganze, herrlich lebendige und bunte Spielwelt zu erschließen, war dieses Jahr für mich einmalig. Vor allem, weil das nicht gehaltene Händchen nicht mit den Mechaniken eines Dark Souls zu vergleichen ist. Alle 20 Minuten habe ich eine neue Chance, mir ein weiteres Puzzleteil des großen Ganzen anzueignen und die bewegende Geschichte des Spiels organisch und auf enorm befreiende Art nachzuzeichnen. In echten offenen Welten geht es eben nicht um Tabellenkalkulation und das Abhaken von To-Dos, sondern darum, aufgeschlossen zu sein und selbst seinen Weg zu finden, ohne vom Spiel Steine in den Weg gelegt zu bekommen.

Disco Elysium: Rollen spielen statt Rollenspiel

Wenn die Beach Boys die wall of sound perfektioniert haben, dann hat Disco Elysium den Pokal für die massivste wall of text verdient. Das allein ist nicht unüblich für ein Rollenspiel. Aber wie die EntwicklerInnen damit umgehen, sucht für mich in den letzten zehn Jahren seinesgleichen. Die gut geschriebene Noir-Detektivgeschichte rückt schnell in den Hintergrund, wenn ich meinen Besoffskicop wie in einem echten, wirklichen Rollenspiel nach meinen Idealen formen darf und dabei so viele kleine Geschichtchen und herausragende Charaktere treffe, die Revachol noch lange in meinem Gedächtnis verankern werden. Einfach weil sich der Titel mit seinem obskuren Attributssystem und seinen klaren politischen Dimensionen — Shoutouts an Marx und Engels — mal wirklich etwas traut. Das Beste dabei: All das passiert völlig ohne rundenbasierte oder Echtzeitkämpfe. Weil es darum in einem guten RPG auch niemals gehen kann. Post-Disco-Elysium kann es nur noch darum gehen, ob man den Rasier-Skillcheck besteht - und ob es die MacherInnen schaffen, auf komprimiertem Raum so viel spielerische Freiheit und exzellentes Writing unterzubringen wie das beste Rollenspiel der vergangenen Jahre.

Lonely Mountains: Downhill: Auf dem Gipfel des Zen

Sportspiele sind immer mit Stress verbunden. Gerade, wenn man die Geschwindigkeit etwas hochschraubt. Das gilt sogar für unmotorisierte Zweiräder, wie beispielsweise die BMX-Simulationen mit Dave Mirra in den 90ern bewiesen. Dass man den need for speed als Radler auch unter einer gehörigen Portion Zen vergraben kann und das der Dynamik keinen Abbruch tut, zeigt Lonely Mountains. Denn der Titel hat komplett zurecht 2019 den Preis für das beste Indiespiel beim Deutschen Entwicklerpreis abgeräumt. Begleitet von absolut beruhigenden Naturgeräuschen und Vogelgezwitscher einen einsamen Berg runterzuballern hat bei mir trotz einiger Frustmoment bei verpassten Abkürzungen oder Stürzen doch generell für ein behagliches Gefühl gesorgt und meinen Puls heruntergefahren. So wie die PolygonbikerIn ihre Mitte gefunden zu haben scheint und immer wieder aufs Bike steigt, hat mich Lonely Mountains gelehrt, dass auch bei rasanten Sportspielen die wahre Kraft in der Ruhe liegt.