Wer erwacht in der ersten Episode von Life is Strange: Before the Storm eigentlich?

“Awake”, so der Titel der ersten Episode, ist der Beginn einer Reise mit Chloe Price – voller emotionaler Dialoge und schwerer Entscheidungen.

Dem Prequel stand bereits Monate vor Release eine gigantische Erwartungshaltung gegenüber. In die Fußstapfen des Teams von Dontnod zu treten und ein Spiel zu erschaffen, das mehr ist als High School-Drama und Walking Simulator ist keine leichte Aufgabe. Bereits die Optik der ersten Episode von Before the Storm ist dem Vorgänger nachempfunden und auch die Atmosphäre in der Kleinstadt erzeugt ein Gefühl von Nostalgie und Vorfreude gleichermaßen. In “Awake” trifft Chloe Price, die mit ihrer renitenten Art schon im originalen Life is Strange (nicht alle) überzeugen konnte, auf Rachel Amber, die Spielende bisher nur von Vermisstenanzeigen kannten. Die jungen Frauen scheinen aus unterschiedlichen Welten zu kommen und freunden sich doch an. Auf Basis dieses Plots passiert in der ersten Episode noch nicht viel: beide schwänzen die Schule und reden viel.

Reden ist sowieso das, was Before the Storm am besten kann - ein echter Talking Simulator. Entsprechend gibt es die Widersprechen-Herausforderung, bei der Spielende die Informationen, die sie durch Beobachten und Dialoge gesammelt haben, anwenden. Was eine hitzige Argumentation werden soll, verkommt leider schnell zur Beleidigungsschlacht. Nichtsdestotrotz passt diese Mechanik zu Chloe, die jugendliches Rebellentum zu glorifizieren scheint. Hinter dieser Fassade steckt jemand, der clever, aber auch unsicher ist und nach Anerkennung und Abenteuern sucht. Chloe schwankt ständig zwischen Trauer und Jähzorn auf der einen und der verzweifelten Suche nach Liebe und Bestätigung auf der anderen Seite. Before the Storm scheint vielschichtig zu sein, was nicht zuletzt das ambivalente Verhalten der jungen Frauen andeutet.

Der Titel suggeriert eine Art Erleuchtung, ein Erwachen - doch wer soll hier erwachen? Ist es Chloe, die von Rachel umgarnt und manipuliert wird? Sind es die Spielenden, denen letztendlich das Gleiche passiert? Ist es eine Anspielung auf den Beginn dieses Abenteuers, das erste Zwinkern am Morgen? Eine Allegorie für das Erwachsenwerden? Die Erkenntnis, dass jede Wahl Konsequenzen hat (was das Spiel unmissverständlich über entsprechende Bemerkungen kommuniziert) und dass diese nicht vorhersehbar sind und Spielende eigentlich ohnmächtig sind?

Die erste Episode von Before the Storm wirft viele Fragen auf. Welche von den unzähligen Theorien, die bereits jetzt im Netz kursieren, sich am Ende bewahrheiten, werden wir hoffentlich in der letzten Episode erfahren. Vielleicht ist Before the Storm die Geschichte über Chloes Versuch der Monotonie von Arcadia Bay zu entfliehen, aber vielleicht kann es wie der Vorgänger mehr als das sein und uns erneut überraschen.