Wer in Lamplight City nicht mehr weiter weiß, hat trotzdem nicht verloren

Das Pixel-Point'n'Click setzt darauf, dass jede Entscheidung Konsequenzen hat - und zieht das im Vergleich zu vielen Spielen mit ähnlicher Idee auch durch.

Ich bin selbst schuld. Warum musste ich auch die nette und zuvorkommende Sabine Martin so triezen und nach ihrem Voodoo-Hinterzimmer fragen? Jetzt stehe ich als Privatdetektiv Miles Fordham auf einer wunderhübsch verpixelten Straße in der fiktiven Stadt New Bretagne und habe mir selbst einen weiteren Pfad in Richtung Lösung meines aktuellen Falles verbaut.

Andere Detektivabenteuer wie das große geistige Vorbild L.A. Noire würden mich das kritische Gespräch jetzt nach einem Game-Over-Screen erneut führen lassen, sofern es für den erfolgreichen Abschluss des Falles nötig wäre. Lamplight City hingegen ist da nicht so zimperlich.

Denn wenn ich im neuesten Adventure von Shardlight- und A-Golden-Wake Entwickler Francisco González eine Befragung vermassle oder mir ein wichtiger Hinweis durch die Lappen geht, bleibt Fordham immer noch die Wahl, einen vermutlich Unschuldigen der Tat zu bezichtigen oder den Fall aufzugeben. Ungeduldige Naturen können sich so schneller durch das liebevoll gestaltete Steampunk-Abenteuer klicken - gerade weil pixel hunting ausbleibt und das Spiel zugunsten eines auf die Umgebung reagierenden Cursors auch auf ein traditionelles Inventar verzichtet.

Ich hingegen habe es genossen, die wirklich bildhübschen Lokalitäten nach neuen Hinweisen abzusuchen, um Mördern, Kidnappern, Dieben und schließlich dem Mörder meines Ex-Partners Bill Leger auf die Spur zu kommen. Dieser begleitet den Privatschnüffler seit seinem Tod als Stimme in seinem Kopf und hat für jede Gelegenheit einen sarkastischen Spruch parat - Grund genug für Fordham, seinen ehemaligen Kollegen durch die Festnahme des Verantwortlichen zum Schweigen zu bringen.

Der Weg dahin ist gepflastert mit anspruchsvollen Themen, die Lamplight City in seiner düsteren Erzählung zwischen trockener Detektivarbeit und hintergründiger Mystik einwebt. Dazu gehören die Selbstermächtigung von Frauen, grassierende Vorurteile gegenüber dem Unbekannten und die Diskriminierung Nichtweißer, was das Spiel gekonnt abhandelt, ohne sich dabei allzu sehr in Plattitüden zu verlieren.

Die Vielschichtigkeit des Spiels überträgt sich auch auf die Charaktere, von denen viele auf den ersten Blick nicht die zu sein scheinen, die sie vorgeben. Der grobschlächtige Aufständige, der gegen die Dampftechnik protestiert, hat hehre Motive, während der Großindustrielle seiner Frau seine Wettschulden verschweigt und sich ohnehin durch einen verblüffenden Mangel an Reflexionsfähigkeit auszeichnet.

Oft sind es gerade die Figuren, die in einer kapitalistisch-industriellen Gesellschaft als strahlende Vorbilder gelten müssten, die den meisten Dreck am Stecken haben. Diese vergrabenen Wahrheiten zu heben ist zentral dafür, die Fälle von Lamplight City auf bestmögliche Art zu lösen. Und wenn das nicht klappen sollte? Dann muss man eben mit den Konsequenzen leben. Das Leben in New Bretagne muss schließlich weiter gehen.