Wie ich lernte, den interstellaren Aktienmarkt zu lieben

Utopie und Dystopie liegen in der kurzweiligen Weltraum-Wirtschaftssimulation Offworld Trading Company nah beieinander.

Wirtschaftssimulationen haben den Ruf, eine staubtrockene Angelegenheit zu sein. Da werden Vergleiche mit Excel-Tabellen und Kopfrechen-Aufgaben gezogen - und ein Stück weit stimmt das auch. Wirtschaftssimulationen simulieren eine Wirtschaft und das geht nun einmal nicht ganz ohne Zahlen. Und doch kann das Errichten einer reibungslosen Produktionskette ähnlich euphorische Gefühle auslösen wie der spektakulärste Triumph über den gigantischen Endboss eines Actionspiels.

Offworld Trading Company gehört zu den Spielen in diesem Genre, denen das gelingt. Spielerisch ist der bereits 2016 erschienene Titel im Weltraum-Setting zugänglicher als die meisten anderen "WiSims" und spielt sich mit kurzen Kampagnen-Missionen und zügigem Spielstart angenehm flott. Am Steuer (beziehungsweise Schreibtisch) einer Aktiengesellschaft gilt es, den Mars zu kolonisieren.

Neben den üblichen passiv-aggressiven Mitteln des Konkurrenzkampfes (Ressourcenvorkommen blockieren, Forschungsergebnisse patentieren) gibt es auch offenere Angriffe wie EMP-Bomben, die Kraftwerke lahm legen, oder Weltraumpiraten, die Rohstofftransporter abschießen.

Aber der diebischste Spaß kommt bei der Manipulation des alles bestimmenden Marktes auf. Hacker können dort zum Beispiel einen Mangel an Stahl vortäuschen, der den Preis nach oben treibt - natürlich dann, wenn das eigene Lager gerade gut gefüllt ist mit dem vormals wertlosen Altmetall. Das Ziel von alldem: den Aktienkurse der Konkurrenz zu senken und sie dann über das Aufkaufen von Anteilen aus dem Spiel zu kegeln.

Für einen altgedienten Social-Justice-Buchhalter wie mich äußerst erwähnenswert ist dabei auch die in jeder Hinsicht gegebene Diversität. Firmenchefs und Middlemanagement sind ein kunterbunter Mix toller Charakater-Designs, das der klassischen Star-Trek-Utopie einer post-rassistischen Gesellschaft gleicht.

Zu einer wirklich bissigen Parodie des Kapitalismus, dem sich ja durchaus einige der im Spiel verschwundenen sozialen Schieflagen zuschreiben lassen, wird Offworld Trading Company damit allerdings noch nicht. Dafür sind die mit satirischen Botschaften gepflasterte Ladebildschirme und die zentrale Spielmechanik des Börsenbetrugs dann doch etwas zu brav. Offworld Trading Company ist eher die Vision eines neoliberalen Feminismus, der Unterdrückung beseitigt sieht, wenn nur endlich alle von der Ausbeutung profitieren können.

Diese Ausbeutung findet in der Science-Fiction glücklicherweise nicht in Afrika oder Südamerika statt, sondern auf der Einöde des Mars, also kommt hier niemand wirklich zu Schaden. Im Gegensatz zu anderen kolonialen Fantasien ist die wertvollste Ressource nämlich die staatliche Erlaubnis zur Expansion. Neu bebaubare Felder müssen erst teuer per Bestechung gekauft werden und die Entscheidung, was auf den gekauften (oder ergaunerten) Claim kommt, wird so bedeutend für den restlichen Spielverlauf.

Wer will kann in Offworld Trading Company also als sehr milde Parodie des globalisierten Kapitalismus lesen. Einfacher ist es aber, schlicht ein ausgesprochen poliertes Indie-Spiel zu sehen, das mit Charme und Zugänglichkeit gleich in zweifacher Hinsicht eine angenehme Abwechslung im sonst tatsächlich etwas trockenen Genre bringt – und damit vielleicht sogar neue Spieler_innen an die Wirtschaftssimulation heranbringt. Ihr wisst schon, wegen der Diversität in der echten Welt.