Wie mir After The Hunt endlich den Winter in Wallace Stevens’ Poesie erklärte

Keine Sorge. Man muss Lyrik weder mögen noch verstehen, um sich in dieses beängstigend einsame Spiel zu verlieben.

Ursprünglich sollte es hier um Isolation gehen. In After The Hunt kehrt ein Familienvater von einer Reise zurück, ein Flug um den halben Globus liegt hinter ihm. Es trennen ihn nur wenige Minuten von seinem Zuhause, doch der Weg dorthin erweist sich nicht zuletzt wegen eines Schneesturms als länger als erwartet. Zusätzlich zu beunruhigenden Telefonaten mit Familienangehörigen, in denen nach und nach Sorgen und Ängste ausgedrückt werden, sind es die Isolation am Flughafen und das nächtliche Stapfen durch Tiefschnee, die dem Protagonisten offenbaren, wer er ist und die seine ungewisse Zukunft reflektieren.

Doch der Schneesturm ist nicht nur ein prosaisches Mittel zum Zweck, sondern eine Metapher für den schweren Weg, der vor dem Protagonisten liegt. Und ganz nebenbei hat das Spiel mir spielerisch erklärt hat, was Wallace Stevens meinte, als er vom Winter sprach.

Wallace Stevens war ein amerikanischer Dichter, der sich mit dem Verhältnis zwischen Imagination und Realität und der Frage, wie wir die Welt wahrnehmen, beschäftigte. In einigen seiner Gedichte beschreibt er den Winter als Zustand, in dem die Uhrzeit als menschliches Konstrukt unbedeutsam ist. Alles ist weiß, scheinbar unberührt. Das bietet eine sprichwörtliche weiße Leinwand, um von vorne zu beginnen. Der Winter als eine Welt ohne menschliche Intervention und gleichzeitig eine Welt voller Möglichkeiten; Winter als unerreichbarer Zustand, weil es (laut Stevens) keine Wahrnehmung der Realität ohne menschliche Einflüsse geben kann; all das findet sich auch in After the Hunt wieder. Denn der Protagonist beendet gerade ein Kapitel seines Lebens (sprich er kündigte seinen Job), weiß nicht, wie es weiter geht und befindet sich in einem Zustand, in dem einerseits Raum für alles ist, aber andererseits auch gerade nichts.

Jahrelanges Interpretieren von Gedichten hat mich konditioniert nach der Bedeutung hinter den Worten zu suchen, in allem nach etwas zu suchen, das (wenn überhaupt) zwischen den Zeilen steht. Stevens hingegen suggeriert, den Winter nicht als Metapher für Leere oder Isolation zu sehen, sondern als das, was er ist, losgelöst von meinen Ideen vom Winter. Eben einfach nur Winter. In After the Hunt kann der Schneesturm entsprechend schlicht ein Schneesturm sein.

Das Spiel entschleunigt mein sonst hektisches Spielverhalten. Nüchtern betrachtet gibt es in After the Hunt nicht viel zu spielen, hier und da geht man ziellos ein paar Schritte durch den Schnee, entscheidet sich in Dialogen für Sätze. So gesehen bewegt sich das Spiel zwischen Minimalismus und beinahe enttäuschender Kargheit. Das hält mich aber nicht davon ab, After the Hunt zu mögen.

Es ist ein tolles Spiel und Wallace Stevens mindestens so lesenswert wie After the Hunt spielenswert. In Wirklichkeit dreht sich das Spiel übrigens um die Antarktisexpedition von Robert Falcon Scott, von der er nie zurückkehrte.