Wie Untitled Goose Game die Absurdität von Loriot weiterdenkt

Wie Untitled Goose Game die Absurdität von Loriot weiterdenkt

Im charmanten Schleich-Puzzler steckt nicht nur jede Menge gut gemeinte Gemeinheit, sondern auch ein großes Herz für Absurdes im Alltäglichen. Vicco wäre stolz.

Ich weiß, ich weiß. Eine direkte Verbindung zwischen dem großen Bloßsteller der deutschen Spießbürgerlichkeit und der hundsgemeinen Gans in Untitled Goose Game zu ziehen, ist nicht das Naheliegendste. Deswegen kaue ich auch schon seit Tagen auf der Idee zu diesem Artikel herum. Aber irgendwie lässt mich der Gedanke nicht los, dass das Spiel von House House eine Art postmoderne Weiterentwicklung der völlig abwegigen Situationen darstellt, in die sich die Protagonist:innen immer wieder teilweise unfreiwillig begeben.

Da wäre zum einen die Ausgangslage, in die mich das Spiel versetzt. Als hinterlistiges Federvieh betrete ich eine Welt, in der alles in bester Ordnung scheint und in der sich jede:r an die Regeln hält. Die preisgekrönte Rose wird gehegt und gepflegt, der Verkaufsstand mit den alltäglichen Konsumartikeln ist gut organisiert und sauber, die Lebensmittellieferungen in die örtliche Kneipe klappen reibungslos. Heile Welt also – genau wie in Loriots besten Sketchen. Dort entspinnt sich die Komik genau dadurch, dass eine vermeintlich normale Situation komplett aus dem Ruder läuft.

Die Familie, die sich im Touri-Viertel verläuft, weil alles nach den gleichen Betonklötzen aussieht. Der Gast, der mit seinen Rindsrouladen und dem dazugehörigen widerspenstigen Bindfaden zu kämpfen hat. Oder eben das klassische "Das Bild hing schief". Loriot überspitzt Situationen, die jede:r kennt und lässt die konservative Mittelschicht darüber lachen. Das Besondere daran: Oft merken diejenigen, die am lautesten lachen, gar nicht, dass sie gerade über sich selbst lachen. Und wie passt da jetzt die Gans hinein?

Wenn man so will, ist die Gans der Bindfaden. Das Möbelstück, das plötzlich im Weg steht. Der Einheimische mit dem Esel, der die Touristenfamilie von ihrem eigentlichen Ziel ablenkt. Also: ein Ärger- und vor allem Hindernis auf dem Weg zur perfekten kleinbürgerlichen Idylle. Für sich genommen könnten die Charaktere aus Untitled Goose Game diejenigen aus den Loriot-Sketchen nicht ersetzen. Dafür braucht es die Spieler:in und die Anarcho-Gans, die mit den im Szenario enthaltenen Mitteln am Weltbild seiner Figuren rütteln.

Am besten funktioniert diese Analogie, wenn ich dem kleinen Jungen seinen Spielzeugflieger klaue, ihn der Verkäuferin auf den Tisch lege und den Knirps damit dazu bringe, seinen eigenen Besitz zurückzukaufen. Was manche als Kommentar auf den Kapitalismus lesen würden, löst bei mir nur eine synaptische Verknüpfung aus: Das hätte auch perfekt zwischen das Matratzen-Probeliegen und den Kosakenzipfel in eine Loriot-Show gepasst. Denn irgendwo zwischen dem magischen Realismus einer Gans mit Agenda und dem offensichtlichen Slapstick findet sich in Untitled Goose Game auch immer ein Platz für die Absurdität des Alltags – genau wie es sich Vicco von Bülow schon vor 50 Jahren vorgestellt hatte.