Wo ein Richter, da ein We. The Revolution

Freiheit, Gleichheit, Kopf ab.

Selbst wenn ich wollte, könnte ich in We. The Revolution nicht nett sein. Ich kann versuchen fair zu sein, aber inmitten des Chaos der Französischen Revolution eine kleine Insel der Gerechtigkeit zu schaffen, wird nicht unbedingt entlohnt. Der Begriff der Gerechtigkeit wird dort ebenso locker definiert wie der der Gleichheit. Es gibt eben Menschen, die sind gleicher als andere und als Richter in diesem zerrissenen Paris entscheide ich, wer gleich genug ist.

We. The Revolution von Polyslash ist das Spiel, das ich im Geschichtsunterricht gerne gespielt hätte. Es hätte die verwirrenden Ereignisse der Französischen Revolution eindeutig anschaulicher vermittelt als die üblichen Sachtexte. Wir befinden uns im Spiel nach der Abschaffung des Absolutismus und vor der Krönung Napoleons. Es ist eine unruhige Zeit, in der Menschen ihre Nachbarn denunzieren, Anhänger der Monarchie verfolgt werden und Revolutionäre sich von anderen Revolutionären abspalten. In We. The Revolution geht es um Girondisten und Jakobiner, den Nationalkonvent, die Terrorherrschaft von Robespierre, die Hinrichtungen von Ludwig XVI. und Marie Antoinette. All das verpackt in ansprechendes Gameplay, für das man dieses ganze Wissen gar nicht benötigt, und wunderschöne Illustrationen.

Als Richter ist es nun an mir Beweismaterial zu sichten, Zeugen und Verdächtige zu befragen und letztendlich ein Urteil zu fällen. Dabei darf ich nicht zu lange Fragen stellen, das macht das Volk unruhig. Ich muss aber auch auf die politischen Fraktionen Rücksicht nehmen und nicht den falschen köpfen oder frei lassen, schließlich möchte ich nicht selbst auf der unangenehmen Seite der Guillotine landen. Ich entscheide beispielsweise auch, ob es Soldaten erlaubt sein soll, auf Aufständische zu schießen. Doch jede noch so gut gemeinte Wahl scheint in We. The Revolution tragische Konsequenzen zu haben. Um also die blutrünstige Meute und die ebenso gewaltbereiten Machthaber Frankreichs in Schach zu halten, bin ich unfair und manipulativ. Frei nach dem Motto, wenn das Volk kein Brot hat, soll es Kuchen essen oder eben Hinrichtungen bestaunen, schiebe ich nach Möglichkeit die ein oder andere Enthauptung dazwischen, stelle Suggestivfragen und beeinflusse die Meinung der Jury.

Sich "nur" durch Beweismittel zu lesen und Urteile zu fällen fände ich persönlich ja schon spannend genug. Die Gelegenheit, das letzte Stück einer Detektivgeschichte zu erfahren, bekommt man schließlich nicht allzu oft. Meist enden solche Geschichten mit der Verhaftung. Was We. The Revolution aber noch viel fantastischer macht, sind die Reden, die ich schwingen kann, um die tobende Masse zu beruhigen und auf meine Seite zu ziehen. Oder die Intrigen, die ich planen kann, um unliebsame Gegner aus dem Weg zu räumen, ganze Distrikte von Paris unter meine Kontrolle zu bringen und nach und nach Revolutionäre auszuschalten, mich gleichzeitig beim Volk beliebt zu machen und schlussendlich Robespierre den Dolch in den Rücken zu rammen.

Das ist zumindest mein Plan, wenn das Spiel erscheint. Auf der gamescom konnte ich nur eine viel zu kurze Demo spielen. Als diese zuende war, hatte ich noch nicht einmal richtig angefangen, den Gerichtssaal zu meinem persönlichen Palast und die Verfahren zu meiner eigenen Terrorherrschaft zu machen. Denn "qui s'excuse s'accuse" und in diesem Paris gibt es keine Gerechtigkeit.