Paint als Rennspiel, Büroalltag als Egoshooter und Wikipedia als Textadventure

Ob in schwarz-weiß oder bunt, im Norden oder Westen, ernst oder ironisch - diese Indie-Spiele sind einen Blick wert.

Nach 30 Jahren schickt Microsoft die ehrwürdige Mal-Ware Paint in den Ruhestand. In dieser Zeit hat sie stets die Fantasie beflügelt. Brendon Keogh hat der bunten Pinselei mit Paint Kart ein angemessenes Denkmal gesetzt. Wie der Name schon verrät, ist Paint Kart ein Rennspiel in einem Malprogramm. Statt mit Autos wird mit einem Pinsel über die Strecke gerast, der wie die Lichträder in Tron einen bunten Streifen hinterlässt. Fahrzeugtypen, Streckendetails und Soundkulisse muss man sich zwar selbst vorstellen, aber diese Mindestanforderung an die eigene Fantasie war ja schon immer die besondere Faszination von Microsofts simpler Kritzelsoftware.

Paint Kart gibt genau so wie das Original kostenlos für Windows und obendrein auch für Mac.


Weniger bunt geht es in dem Point-and-Click-Adventure Lydia zu. Das namensgebende Mädchen flüchtet darin vor der grauen Realität eines von Alkoholmissbrauch geprägten Elternhauses durch ihren Kleiderschrank in eine Fantasiewelt. Jedoch ist auch auch diese alles andere als eine heile Welt. Die düstere und gefühlvolle Auseinandersetzung mit einem schwierigen Thema gelingt dem finnischen Studio ausgesprochen gut und beweist auf eindringliche Art und Weise, wie viel das Medium Spiel erreichen kann, wenn es sich von klischeehaften Ballereien und Fotorealismus abwendet.

Lydia kostet knapp 5€ und ist für Windows und Mac erschienen.


In einer ganz anderen Art von trister Realität spielt Payroll. Das vom Look der 90er-Shooter a la Doom und Duke Nukem inspirierte First-Person-Spiel schickt uns allerdings nicht in den Kampf mit Aliens und Dämonen, sondern lediglich in eine Auseinandersetzung mit streikenden Faxgeräten und Kaffeemaschinen. Payroll ist so etwas wie die Videospiel-Version der Kult-Komödie Office Space und fällt als ironische Arbeits-Alltags-Simulation in ein Genre, das sich zunehmender Beliebtheit erfreut: Erst kürzlich hatte Indie-Legende Pippin Barr mit It’s As If You Were Doing Work eine beißende Satire auf Schreibtischjobs abgeliefert. Payroll findet dennoch eine ganz eigene, unterhaltsame Perspektive auf die ödsten acht Stunden des Tages.

Der Gehaltsscheck der Entwickler beträgt 1$, das Spiel ist für Windows-Bürorechner verfügbar.


Statt in das triste Grau eines Großraumbüros ist das Arbeitsleben der Figuren aus The Lion’s Song in Sepia-Farben getaucht. Über vier Episoden hinweg erzählt das Spiel des österreichischen Entwicklers Mi'pu'mi von den Schwierigkeiten im Leben eines Künstlers. Die leiden nämlich allesamt an Schreibblockade, Selbstzweifeln und anderen Problemen, die das kreative Schaffen hemmen. Dazu müssen sie sich noch mit den gesellschaftlichen Zwängen des Wien im frühen 20. Jahrhundert herumschlagen. Aber mit er Zeit stellt sich raus, dass die Sorgen und Kämpfe von Wilma, Franz und Emma gar nicht so weit von heutigen gesellschaftlichen Problemen entfernt sind.

Die erste Episode von The Lion’s Song ist kostenlos, die restlichen drei kosten 10€.


Wer sich nach dem historischen Trip für die echten Biografien der erwähnten Persönlichkeiten interessiert, kann eine Reise ins Lexikon wagen. Denn Kevan Davis hat das allseits beliebte Online-Nachschlagewerk Wikipedia in ein begehbares Textadventure verwandelt! Statt nach Norden und Süden kann man dort jeden Artikel eines realen Ortes besuchen und dort mit zufällig erwähnten Persönlichkeiten sprechen - insofern Wikipedia ein paar Zitate von ihnen kennt.

Wikipedia: The Text Adventure lässt sich kostenlos im Browser erleben.


Mit den für ein Textadventure üblichen Himmelsrichtungen ließe sich auch das Spiel NORTH des Berliner Teams Outlands erreichen. Dieses spielt in einer Stadt, von der eigentlich nur die geografische Lage bekannt ist - nämlich der Norden. Durch die Augen eines Asylsuchenden wirkt die Stadt extrem befremdlich. Die Bewohner sprechen wie Aliens, Bräuche und Gepflogenheiten ergeben keine Sinn und die Gassen werden zu feindseligen Horror-Kulissen. NORTH ist ein spannendes Experiment, das den Bewohnern eines Asylziels wie Deutschland den Perspektivwechsel ermöglichen möchte.

NORTH ist kostenlos für Windows verfügbar.


Einen völlig anderen Perspektivwechsel gibt es im Westen, um genau zu sein im Wilden Westen. West of Loathing blickt auf die Klischees des Western und filtert alles nicht nur durch die Linse einer Parodie, sondern auch durch seinen schwarz-weißen Comicstil. Die skurrilen Abenteuer des Cowgirls Mable Marshal Earp sind dabei allerdings ähnlich absurder Natur und nehmen stilsicher Rollenspiel-Tropes und Cowboy-Stereotypen auf die Schippe.

West of Loathing kostet für Windows, Mac und Linux 11 Goldnuggets.


Und sonst? Rex: Another Island kann dem altehrwürdigen Jump-and-Run-Genre mit seinem cleveren Leveldesign ein paar neue Facetten abgewinnen, die es sowohl für Profis als auch Einsteiger zugänglich machen. Ähnliches gelingt Like Roots in the Soil, das zwar nur fünf Minuten lang ist, aber mit seinem Twist die Erwartungshaltung an eine postapokalyptische Geschichte völlig auf den Kopf stellt. Und auch SHE spielt mit den Erwartungshaltungen seines Publikums - was genau das heißt, kann man aber nur selbst erleben.