Dieser Artikel ist aus dem Jahr 2014, weil der Diskurs von heute auch nicht viel weiter ist

tl;dr: "Gamer" ist spätestens seit GamerGate ein ideologisch aufgeladener Begriff. Wer ihn heute verwendet, sollte sich mit dieser Geschichte auseinandersetzen.

Sich voneinander abzugrenzen ist innerhalb der Videospielkultur kein neues Phänomen. Im Konsolenkrieg der 90er spielten die einen Nintendo, die anderen Sega. Als der Markt für PC-Spiele wuchs, trennten sich auf dem Schulhof "Konsoleros" von "PC’lern" und stritten miteinander um die bessere Grafik. Spätestens seit dem Aufkommen von Spielen bei Facebook und auf dem iPhone ist häufig von "casual" und "hardcore" Gamer_innen die Rede. Und mit der wachsenden Indie-Szene gab es vor einigen Jahren sogar die Diskussion, was überhaupt ein "echtes" Spiel ist.

Bei all dieser Gruppen- und Lagerbildung, bei all der Ein- und Ausgrenzung konnte eines nie aufkommen: Ein einheitliches Bild der Spielenden. Dennoch scheinen diejenigen, die sich bis heute mit dem Begriff "Gamer" identifizieren, ihn als etwas Allgemeingültiges zu sehen.

GamerGate trug diese Gruppenidentifikation schon im Namen. Es entstand stellenweise der Eindruck, es sei eine Bewegung der “Gamer”, die sich nicht nur gegen die vermeintliche Korruption der Spielepresse wandte, sondern gegen alles, das in der Gaming-Szene – ihrer Meinung nach – falsch ist. Es läuft, wie es immer läuft: Die starke Identifikation mit einer Sache führt zu aggressiven Abwehrreaktionen gegen vermeintliche Bedrohungen – selbst wenn diese nur konstruiert sind.

Dabei war "Gamer" nie der Überbegriff für alle Spielenden und wir müssen auch fünf Jahre nachdem ich diesen Artikel für das Blog herzteile geschrieben habe aufhören, ihn so zu benutzen.

The players gonna play, play, play

Schon vor Jahren In den letzten Wochen hinterfragten Artikel wie Dan Goldings "The End of Gamers", Leigh Alexanders "Gamers Are Over" oder Reece Morris-Jones' "The Hardcore Gamer No Longer Exists" diese starke Identifikation. Die Unterscheidung zwischen "Gamer" und "Player", die dabei oft aufkam, ist auf Deutsch nicht sofort ersichtlich – beides wird übersetzt zu "Spielenden".

"Gamer" bezieht sich auf das Spiel selbst, "the game". Ein Gamer scheint sich also weniger über den Akt des Spielens an sich zu definieren, sondern über die Spiele, die er spielt. Zusammen mit der Debatte, was ein "richtiges" Spiel ist entsteht hier zwangsweise eine Ausgrenzung. Natürlich werden auch weniger interaktive Titel wie Proteus oder Gone Home gespielt. Wird ihnen der Status als "Game" jedoch verwehrt, sind die, die sie spielen, folgerichtig auch keine "Gamer".

Das Wort "Player" hingegen bezieht sich auf den Vorgang des Spielens, "to play". Player ist auch die Bezeichnung, die Spiele selbst verwenden. Player wäre also eigentlich der naheliegende Begriff: Wer spielt – egal was und egal wie – ist ein "Player", ein_e Spielende_r. Der Begriff ergibt also – zumindest im Englischen – deutlich mehr Sinn.

Es gibt keine mit "Gamer "vergleichbaren Begriffe für Menschen, die Musik hören, Filme schauen oder Bücher lesen. Cinephile und Audiophile befassen sich mit jedem letzten Detail des von ihnen geliebten Mediums, aber haben keinen Anspruch für alle zu sprechen. Der Anspruch auf den Begriff "Gamer" zu bestehen, ist also im Kern immer ein Abgrenzungsmechanismus. Das kann eine Gruppe für sich schon tun. Was sie nicht kann, ist damit gleichzeitig einen Anspruch auf Inklusivität zu vermitteln.

Namensan- und enteignung

Als die Killerspiel-Debatte tobte, wurde der absurde Begriff aus dem Boulevard von vielen Spielenden aufgenommen und ironisch seiner eigenen Lächerlichkeit preisgegeben. Er war ein Angriff auf ein gemeinsames Hobby, bei dem sich alle einig waren.

Ganz ähnlich ging es nun dem Begriff "Social Justice Warrior", der ein Feindbild darstellen sollte, aber längst als ironische, mitunter sogar empowernde Selbstbezeichnung übernommen wurde. Der Unterschied ist, dass dabei "Gamer" selbst die Rolle des (ab)wertenden Außen einnehmen. Statt Fans von brutalen Shootern waren auf einmal Fans von queeren Indiegames das Ziel. Statt Politik und Presse waren es die Gamer selbst, die eine andere Gruppe diffamierten – oder zumindest solche, die sich selbst als Gamer bezeichneten.

Videospiele sind zu sehr im Bewusstsein des Mainstream angekommen, als dass sie alleine noch zur Abgrenzung dienen könnten. Um sich weiterhin mit Spielen identifizieren zu können, brauchte es scheinbar wieder die Abgrenzung zu einem Feindbild.

GamerGater gegen Social Justice Warriors

Dass dadurch der Begriff "Gamer" inzwischen ebenfalls negativ gelesen wird, stößt bis heute vielen auf. In Kommentaren zum GamerGate beschwerten sich Spiele-Fans über die aus ihrer Sicht unfaire Verallgemeinerung. Nein, natürlich sind nicht alle, die Videospiele spielen, misogyn, homophob und hasserfüllt. Die Kritik über die negative Nutzung von "Gamer" muss sich aber an die Initiatoren von Angriffen wie eben GamerGate richten. Mit Kritik an der Kritik wird nur der Überbringer der schlechten Nachricht bestraft.

In welchem Ausmaß sich viele Gamer (und auch Gamerinnen) haben instrumentalisieren lassen, ist längst klar belegt. Es mangelt der Gamer-Community also offenbar an eigenen Mechanismen, um sich gegen eine derartige Vereinnahmung zu wehren. Das macht es durchaus legitim, die Bezeichnung "Gamer" verallgemeinert zu benutzen, um eine Reaktion zu provozieren – zumal es auch eine Gegenreaktion auf den abwertend gemeinten Begriffe wie "Social Justice Warrior" ist. Es ist ein Widerspruch, einerseits nicht in eine Reihe mit frauenfeindlichen Angreifern gestellt werden zu wollen, andererseits aber auf die gleiche Selbstbezeichnung zu bestehen.

Verantwortlich für das schlechte Bild der "Gamer" sind nicht die "Social Justice Warriors" oder die Spielepresse, sondern diejenigen, die unter diesem Label Übergriffe auf politische Gegner legitimieren. Das führte dazu, dass sich inzwischen viele von dem Begriff (und der ganzen Gaming-Community) distanziert haben – Entwickler_innen, Journalist_innen, Spielende.

Wann kommt das Ende des "Gamers"?

Die einzigen, die dem Begriff seine negative Konnotation nehmen können, sind die verbliebenen Gamer_innen selbst, indem sie Stellung gegen die Übergriffe beziehen. Dann können wir die "GamerGater" auch "übergriffige Arschlöcher" nennen. Solange aber auch sich mitgemeint fühlende "Gamer" eher die Verwendung des Begriffes als die Übergriffe an sich zum Ziel ihrer Kritik machen, wird sich gar nichts ändern.

Ob dieser Bedeutungswandel nach dem Geschehenen überhaupt möglich ist, ist die eine Frage. Die andere ist, ob er überhaupt noch nötig ist. Die Gruppe der Spielenden ist so groß, so vielfältig, so heterogen, dass ein einzelner Begriff dem kaum Rechnung tragen kann. Wie kann ein einzelnes Wort beschreiben, dass manche professionell auf Turnieren spielen, andere auf dem Weg zur Arbeit in der U-Bahn? Wie all diejenigen, die tagelang Tunnel in Minecraft graben, nach dem Abendessen schnell ein paar Gegner in Counterstrike abschießen, interaktive Geschichten wie Dear Esther genießen oder ihre eigenen in Spielen wie Actual Sunlight erzählen, unter einen Hut bringen?

Es fällt mir schwer zu glauben, dass ein Wort das alles beschreiben kann. Warscheinlich ist das sogar gut so. Wer Spiele spielt kann gerne, muss aber kein Gamer sein. Aber wenn ihr euch als solcher bezeichnet, beschwert euch bitte nicht über den Ballast, der an diesem Begriff hängt.