"Jeder Publisher hat die Verantwortung, hinter der Politik seiner Spiele zu stehen"

Drei Spieleentwickler aus Tel Aviv haben Wolfenstein alles zurückgeben, was der deutschen Version fehlt: Nazis und Juden. Sie protestieren damit gegen Zensur.

Wolfenstäche ist ein Spiel über Hitlers Bart. Mein Artikel darüber ist bei WIRED Germany erschienen. Weil aber von einem bezahlten Autoren erwartet wird, dass er sich für sein Geld auch eigene Gedanken macht, konnte ich nicht einfach nur die Email der drei Entwickler veröffentlichen. Schade, denn ihre Antworten auf meine Fragen waren wirklich lesenswert! Deshalb gibt's hier jetzt noch einmal das ungeschnittene Interview mit Shalev Moran, Alon Karmi und Nadav Hekselman über ihren demonstrativen Anti-Zensur-Shooter.


Wie seid ihr auf die Idee gekommen, die Zensur in Wolfenstein mit eurem eigenen Spiel zu kommentieren?

Shalev: Vor ein paar Wochen hat mich eine deutsche Zeitung um einen Kommentar aus meiner Perspektive als israelischer Gamedesigner gebeten. Der Gedanke hat mich danach weiter beschäftigt – dass ein Unternehmen wie Bethesda so einfach ihr eigenes Franchise betrügen kann, dass sie geschichtsrevisionistisch in Deutschland und diskriminierend gegen Juden in Israel handeln können, nur weil es die bequemste Lösung ist. Es macht wütend.

Und das fantastische Bild des rasierten Hitlerbartes... wenn ich Autor einer Comedyshow wäre, hätte man mich für diesen lahmen Witz gefeuert. Aber die haben das wirklich gemacht! Aber die Entscheidung, ein Spiel zu machen, entspringt einer Art Kameradschaft. Bethesda sind respektlos gegenüber Israelis und Deutschen. Dieses Spiel haben wir als unser Geschenk aus Tel Aviv an unsere Gamer-Freunde in Deutschland gemacht, um die Frustration zu teilen. Ich habe dieses kleine Bild gekritzelt, Alon und Nadav geschickt und das war unser Ausgangspunkt.

Nadav: Für mich ging es darum, mit Wolfenstäche ein Zeichen zu setzen. Bethesda ist der Frage nach der Zensur in Deutschland geschickt ausgewichen. Warum das Spiel in Israel gar nicht erhältlich ist, haben sie gar nicht erst beantwortet. Zensur ist eine merkwürdige Sache. Auf der einen Seite will man keine Gefühle verletzen oder Nationalismus fördern.

Andererseits wurden beachtliche Energie und Kreativität dafür eingesetzt, um abgeschlachtete Deutsche möglichst beeindruckend zu animieren. Bethesda hat sich entschieden, auf Nummer sicher zu gehen. Das mag kommerziell Sinn machen, aber ich weigere mich, das zu akzeptieren. Die Entscheidung ist mir unerklärlich. Dieses Spiel zu machen wirkt wie die perfekte Gelegenheit, um ein wenig am Käfig zu rütteln.

Wie haben die Leute auf Wolfenstäche reagiert?

Alon: Ich habe am Wochenende ein bisschen PR gemacht und das Spiel auf meinen Social-Media-Accounts und Reddit gepostet. In /r/pcgaming bekam es eine Menge Upvotes und das Feedback war sehr positiv. Deutsche Spieler fanden es sehr komisch, was auch genau unsere Absicht war. Du könntest es unser "Zielpublikum" nennen. Manche dachten, das Spiel wäre ein Trollversuch und dass es nichts tiefgreifendes oder wichtiges zu sagen hätte.

Shalev: Den Leuten scheint das Davidsstern-Fadenkreuz zu gefallen.

Alon: Oh, ja! Meiner Meinung nach ist das unser bester Witz. Shalev hatte die brillante Idee, kurz bevor wir fertig waren. Ich fand die Idee cool, aber als ich es in Unity implementiert hatte und das erste Mal in Action sah, musste ich laut lachen. Ich weiß nicht genau warum, aber ich bin zufrieden, dass der Witz auch anderen Leuten gefällt.

Habt ihr die neuen Wolfensteins gespielt – und wenn ja, was haltet ihr von ihnen?

Alon: Ich habe beide Reboots von MachineGames gespielt, nachdem ich sie mir über "alternative Wege" beschaffen musste. Am besten gefällt mir, dass die Spiele das Erschießen von Weltraum-Nazis mit Lasern auf dem Mond mit der überraschend emotionalen Reise eines gebrochenen Kriegsveteranen verbinden. Er will die Welt von einem unterdrückerischen Regime befreien und es gleichzeitig hinter sich lassen und eine Familie gründen.

Es ist extrem schwer das richtig zu machen, aber ich denke der schwarze Humor hat es den Entwicklern erlaubt, selbst mit dem Vernichtungslager-Level des ersten Teils ohne große Kontroverse davonzukommen. Das Level verdeutlicht auch das Ausmaß der Zensur. Das Spiel versucht so deutlich zu zeigen, wie grausam die Nazis waren, aber Bethesda verringert die Schockwirkung.

The New Order war eine große Überraschung, aber The New Colossus erreicht dieses Level nicht ganz. Die erzählerischen Tricks, die frischen Wind reingebracht haben, haben sich etwas abgenutzt. Die Versuche, seinen Vorgänger in jeder Hinsicht zu übertreffen und die noch unsinnigere Geschichte helfen nicht gerade. Es ist nicht schlecht, aber fühlt sich etwas beliebiger an, jetzt wo die Magie verschwunden ist.

Shalev: Ich habe The New Order gespielt und geliebt. Damals war mir gar nicht bewusst, dass Bethesda das Spiel in Israel blockiert. Ein befreundeter Journalist lieh mir seine Kopie und ich habe gar nicht erst in die Online-Stores geschaut. Ich liebte fast alles daran, von der Action über die Musik bis zur Liebesgeschichte - eine der süßesten Romanzen, die ich jemals in einem Mainstream-Videospiel gesehen habe.

The New Colossus habe ich mir nicht gekauft. Ich weigere mich, einem Publisher Geld zu geben, der mich aufgrund meiner Nationalität diskriminiert. Ich würde es ja raubkopieren, aber mein PC macht das eh nicht mit. Wenn MachineGames das hier liest und mir eine Kopie für die PlayStation 4 schicken will, würde ich aber nicht nein sagen.

Wolfenstäche beinhaltet alles, was Bethesda aus der deutschen Version geschnitten hat. Denkt ihr es gibt bei Themen wie denen von Wolfenstein eine besondere Verantwortung der Entwickler?

Shalev: Nazismus ist ein schwieriges Thema, aber kein Thema ist "besonders". Jeder Publisher hat die Verantwortung, hinter der Politik seiner Spiele zu stehen. Könntest du dir vorstellen, Assassin's Creed Freedom Cry in Haiti zu zensieren oder Merida nicht in Schottland zu zeigen?

Wolfensteins deutsche Version wurde von Bethesda selbstzensiert, um das Gesetz zum Verbot von Nazi-Propaganda nicht herauszufordern. Gibt es für euch als Gamedesigner einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Videospielen und anderen, nicht-interaktiven Kunstformen? Gibt es Themen, die Videospiele nicht thematisieren können?

Shalev: Nein. Dass nach dem deutschen Gesetz Spiele ausgenommen sind ist nicht schlimm weil Spiele Kunst sind, sondern weil Kunst nicht als etwas Besonderes hervorgehoben werden sollte. Jede öffentliche Äußerung sollte für das zur Verantwortung gezogen werden, was sie kommuniziert. Comedians können sich nicht mit "das ist nur Comedy" für sexistische oder rassistische Witze entschuldigen. Genauso sollten Spieleentwickler sich nicht mit "das ist nur ein Spiel" herausreden können. Kunst sollte für ihre Botschaften zur Verantwortung gezogen werden können. Kein Medium ist in dieser Hinsicht sicherer oder gefährlicher.

Wolfenstäche gibt es kostenlos über Itch.io und sogar das originale Wolfenstein 3D lässt sich mit ein paar Klicks im Internet Archive spielen. Welchen Einfluss kann diese Art von nationaler Zensur in Zeiten digitaler Vertriebswege überhaupt noch haben?

Alon: Heute kann alles unendlich kopiert werden. Diese Zensurgesetze gehören der Vergangenheit an. Ein so enormer Raum wie das Internet kann nicht reguliert werden. Aber es ist eine Schande, dass die Industrie sich diesen Gesetzen beugt. Spiele sollten unter die Ausnahme fallen, weil sie künstlerischen Wert haben. Wenn Publisher den Paragrafen vor Gericht anfechten würden, würden sie deutlich gewinnen. Damit würde auch ein deutsches Gericht bestätigen, dass Spiele eindeutig Kunst sind. Und die muss schon von Natur aus über Meinungsfreiheit verfügen.

Shalev: Zensur hat noch immer viel Einfluss, wenn es um Geld geht. Wir haben Wolfenstäche in unserer Freizeit gemacht, bieten es kostenlos an und kommen nicht aus Deutschland. Würden wir ein größeres Spiel machen, müssten wir auch in Deutschland Geld dafür verlangen und dann wäre es eine ganz andere Geschichte. Oder wir würden das Spiel in Deutschland gar nicht anbieten, aber jemand der die Zensur einhält könnte dort mehr Geld und Aufmerksamkeit bekommen. Wir können nicht einfach sagen "scheiß auf die Welt, wir verziehen uns ins Internet". Wenn wir im Internet sind, ist die Welt noch immer da. Und selbst das Internet wird dieser Tage zunehmend zensiert. Man muss sich ja nur die Seite auf Steam anschauen, wo Wolfenstein 2 sein sollte.